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Leselupe.de > Erzählungen
Die letzten Tage des Kommissars
Eingestellt am 04. 11. 2008 10:40


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Call 0190 696969 - ist ein Weg zu Geld zu kommen - wenn man eine sexy Stimme hat. WIR müssen die Lupe durch Werbung finanzieren. Wirf mal einen Blick drauf.

Diele
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2008

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Sie sagen, die Eule war eines Bäckers Tochter, ach Herr! Wir wissen wohl, was wir sind, aber nicht, was wir werden können. Gott segne euch die Mahlzeit!“
Ophelia zum König in Hamlet, 4. Aufzug


An den Polizeipräsidenten Berlin
An das Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik in Berlin

Da nur ich die Wahrheit kenne, halte ich es für meine Pflicht, den Ablauf der Ereignisse und die Ergebnisse meiner Ermittlungen aufzuschreiben, damit entsprechende Maßnahmen ergriffen werden können.
Außerdem bin ich unschuldig. Ich werde Ihnen beweisen, dass ich kein Mörder bin. Beenden Sie die Fahndung nach mir!

Am 30.3. wurde ich nach 37 Jahren offiziell aus dem Polizeidienst verabschiedet. Darauf erfolgte der Umtrunk mit der versammelten Mannschaft in meinem Dienstzimmer. Weil sich das bis zum Abend hinzog, konnte ich meine Privatsachen aus dem Büro erst am nächsten Tag abholen.
Am nächsten Morgen um etwa 9 Uhr betrat ich mein Dienstzimmer und begann meine Privatsachen einzupacken. Um 9 Uhr 12 klingelte das Telefon. Ich weiß das so genau, weil ich gerade meine Schreibtischuhr in der Hand hielt.
Es war der 1. April. Und so wunderte ich mich nicht, als ich hörte:
„Sie müssen mir helfen. Ich habe etwas verloren.“
„Wenden Sie sich ans Fundbüro“, antwortete ich.
„Ich habe meinen Körper verloren.“
Wortlos legte ich auf.
Während ich meine letzten Sachen in die Aktentasche packte, überlegte ich, wer diesen albernen Einfall gehabt haben könnte. Vermutlich Jan, der Jüngste. Er versucht sich gern in englischem Humor, aber meistens sind seine Scherze bloß geschmacklos.
Da dudelte mein Handy. Dieselbe Stimme, diesmal scharf und scheppernd.
„Ich bin ermordet worden und meine Leiche wird es Ihnen bewei-sen. Also suchen Sie mich gefälligst.“
Als ich sofort die Tür von nebenan öffnete, hatte keiner meiner Leute ein Telefon in der Hand.
Ich habe viele verrückte Anrufe erhalten. Dieser war einer der verrücktesten, und schon komisch, dass er der letzte Anruf war, den ich im Kommissariat entgegennahm.
Als ich das Polizeipräsidium verlassen hatte und auf der Straße stand, hatte ich auch mein bisheriges Leben verlassen. Es war abgeschlossen wie eine leergeräumte Wohnung bei einem Wohnungswechsel. Ab sofort würde ich woanders wohnen. Weit weg von hier, vielleicht sogar auf einem anderen Planeten. Mein neues Leben würde ein total anderes sein. Ein viel besseres. Es würde mein eigenes Leben sein! Ein Leben, dessen Form und Inhalt ich selbst bestimmen konnte, wobei mir klar war, dass ich hierfür keinerlei Erfahrung mitbrachte. Doch wenn Leben eine Kunst ist, dann lernt man sie durch Nichtstun, denke ich, und, um ehrlich zu sein, darauf freute ich mich. Es gab ja keinen Termin, bis wann ich es geschafft haben musste.
Am nächsten Morgen schlief ich aus, es war fast zehn, als ich frühstückte. Und dann meldete sich mein Handy mit einer SMS: „Meine Leiche liegt im Tiergarten, bei einer Bank unter einem Busch.“
Wieder der Verrückte wieder. Aber das waren ziemlich präzise Angaben. Womöglich doch kein Irrer. Und während ich ein Schinkenbrötchen aß, überlegte ich. Die Leiche ist keine Leiche. Schließlich lebt ja der Ermordete, er ist der Anrufer. Trotzdem galt es etwas zu finden, versteckt im Tiergarten. Wer zum Teufel tut so etwas Ausgefallenes? Kollegen einer anderen Abteilung? Ein Aprilscherz war es heute jedenfalls nicht mehr.
Und dann - nunja, kein angenehmer Gedanke. „Freunde“ aus Ber-lins Rotlichtmilieu könnten auf die Schnapsidee gekommen sein. Ja, ich habe ein paar Flecken auf der Weste. Aber wenn ich das eine oder andere durchgehen ließ dann nur, weil ich auf diese Weise Informanten bekam. Allerdings, das ist doch allerhand, mir ein Abschiedsgeschenk zu machen.
Ich war außer Dienst, darum konnte ich das Geschenk annehmen. Aber ich war nicht scharf darauf. Dinge bedeuten mir nichts. Andererseits bin ich sehr neugierig, eine menschliche Schwäche, die bei einem Kommissar eine Stärke ist, und da ich nun alle Zeit der Welt zur Verfügung hatte, warum nicht einen Spaziergang durch den Tierpark machen?
Es nieselte. Der erste Tag vom Rest meines Lebens – und es nieselte. Aber ich hatte vor ein paar Tagen einen neuen, ziemlich eleganten Wettermantel gekauft und einen Hut. Einen Hut wollte ich schon immer mal haben, schon als junger Mann, jetzt, bei meinem halbkahlen Schädel eine Notwendigkeit. So ausgestattet machte ich mich auf zum Tiergarten. Von meiner Wohnung aus sind es mit der U-Bahn zehn Minuten.
Als ich am Brandenburger Tor die Bahnhoftreppe hochstieg, regnete es. Aber was soll\'s. Ich bin ein Spaziergänger ohne Ziel, ein Flaneur ohne Sorgen und ich genieße alles, auch den Regen. Ich tat wenigstens so, als ich den Weg durch den Park einschlug.
Eichen gab es, nicht zu übersehen, es waren die einzigen Bäume, die noch braune Blätter hatten. Doch nirgendwo eine Bank und das war logisch. Über den Winter wurden die Holzbänke abgebaut. Dass ich Esel nicht gleich daran gedacht hatte. Die Geschichte erwies sich als ein skurriler Telefonstreich. Irgend jemand foppte mich.
Ich bog ab auf eine Straße, dort wusste ich eine Bushaltestelle, deren Buslinie nahe meiner Wohnung hielt. Eine Steinbank in der Nähe lud zum Sitzen ein. Sollte diese Bank gemeint sein? Ein paar Meter hinter ihr, inmitten von Gebüsch, stand ein Eiche.
Und jetzt wurde ich vorsichtig. Es gab auch eine andere Möglichkeit: man nahm mich auf dem Arm. Ich wollte dem Gelächter zuvorkommen, das in diesem Falle hinter den Bäumen lauerte, darum warf ich nur einen kurzen Blick in das Gebüsch. Dann sah ich den Fuß mit dem braunen Halbschuh. Ich trat hinter die Bank, bog die Zweige beiseite und erschrak. Der Tote war Berlins berüchtigtster Klatschjournalist. Dann und wann hatten wir uns durch Insiderinformationen geholfen. Seine Kehle war aufgerissen.
Im nächsten Augenblick wollte ich mich zurückziehen. Zu spät. Eine junge Frau mit ihrem kleinen Sohn näherte sich und warf mir einen misstrauischen Blick zu.
Sofort tat ich professionell. Über das Handy rief ich meine Abteilung an, Lohmeyer kapierte erst nicht, dachte wohl, ich hätte einen Anfall von Rentnerpanik oder so ähnlich. Dann untersuchte ich den Toten. Es war nicht der Tatort, das erkannte ich an den Schleifspuren. Und die völlig verquollene Kleidung ließ auf ein längeres Liegen der Leiche schließen. Einen oder zwei Tage. Natürlich, der erste Anruf war ja gestern morgen gekommen. Ich durchsuchte die Jackentaschen des Toten. Brieftasche, ein Notizbuch, und ein Taschenbuch mit dem Titel „Der Meister und Margarita“. Ich hatte nur wenig Zeit, die Mordkommission würde gleich hier sein, und so konzentrierte ich mich auf das Notizbuch, prüfte seine letzte Eintra-gung. Es war das Datum vor drei Tagen und die Uhrzeit 10.30. Dazu das Wort: Doktor.
Ein Arztbesuch. Ich blätterte zurück. Seltsam, weitere Arztbesuche in kurzer Folge. Insgesamt vier innerhalb einer Woche. Ich steckte Brieftasche und Notizbuch in das nasse Jackett zurück.
Und da bremste auch schon Lohmeyers Wagen an der Haltestelle, er und Peters, meine erfahrensten Kollegen stiegen aus, großes Staunen im Gesicht. Ja, sagte ich, purer Zufall, ich wartete hier auf den Bus und wie ich so um mich sehe … Und so weiter.
Nach außen war ich ruhig, aber in meinem Kopf jagte ein Gedanke den anderen. So musste ich das Taschenbuch unbewusst in meine Manteltasche geschoben haben, ich entdeckte es erst, als ich im Bus saß. Jetzt konnte ich es nicht mehr abgeben, ohne bei meinen Leuten Misstrauen zu erwecken. Es handelte sich um einen Roman von einem Michail Bulgakow, offenbar einem Russen. Ich blätterte darin und stieß auf Randnotizen des Journalisten.
Mit einem schwarzen Filzstift hatte er an einigen Stellen das Wort „Magier“ unterstrichen und an den Rand „Doktor“ geschrieben, zweimal mit Ausrufungszeichen.
Damit konnte ich zunächst nichts anfangen, ich steckte das Buch weg, aber als mein Blick während eines Busstops auf eine Litfassäule fiel, stutzte ich: Ein Magier namens Dr. Fürst gab Vorstellungen im Admiralspalast.
Und jetzt fiel mir ein, dass Jan während eines Essens in der Kantine von ihm gesprochen und ihn als den größten Zauberer aller Zeiten bezeichnet hatte. Das fand ich lächerlich übertrieben, und außerdem hatte ich ihm gesagt: Wie kann sich ein Kriminalist von Zaubertricks beeindrucken lassen!
Ich zog das Buch aus der Tasche, prüfte noch einmal die Randbemerkungen und beschloss, die Abendvorstellung des Magiers zu be-suchen.
Die Vorstellungen fanden im Admiralspalast statt, einem restaurierten Prachtbau aus der Kaiserzeit, und woher er seinen Namen hat, das weiß der Teufel, Berlin ist doch keine Hafenstadt. Er hat zwei Theatersäle, man hatte den großen Saal gewählt und zu meinem Erstaunen war die Vorstellung ausverkauft, immerhin waren das fast 2000 Plätze. Zum Glück hatte ich noch eine Karte bekommen, die nicht abgeholt worden war, ich saß ziemlich hinten, konnte aber trotzdem gut sehen.
Als der Magier auf der Bühne erschien, ging ein Ah durch die Zuschauerreihen – er kam herein wie ein Zirkusartist auf zwei Eisbären stehend. Wer glaubte, es seien verkleidete Menschen, irrte sich. Alles, was auf der Bühne geschah, wurde gleichzeitig auf eine Videowand übertragen, man sah jede Einzelheit, es waren tatsächlich zwei imposante Eisbären.
Der Mann war erstaunlich jung, schlank, in schwarz gekleidet, sein Gesicht war weiß mit dunkel untermalten Augen. Elegant sprang er von den Bären, schritt rasch an die Rampe und hob die Hand. Stille trat ein, mit angenehmer Stimme begann er zu sprechen.
„Als ich vor 40 Jahren zum erstenmal Berlin besuchte …“
Gelächter. Der Magier konnte kaum älter als 30 sein.
„…war es nachts und bevor das Flugzeug in Tegel landete, flog es eine Schleife, ich blickte durch das Fenster hinab und sah im Westen funkelnden Brillanten liegen auf samtenen Schwarz und Feueradern durchzogen es, der Osten dagegen lag wie ein Keller mit einer schummrigen Notbeleuchtung. Was für eine Stadt, dachte ich. Eine gespaltene, eine kaputte Stadt.“
Seine Stimme schwang sich in die Höhe.
„Aber was ist Berlin heute? Hätte damals jemand gesagt, eines Tages wird es heißen: Berlin ist zwar arm, aber sexy, man hätte ihn für verrückt gehalten. Und doch geschah es, fast über Nacht geschah es. Die Bruchstücke der Stadt sind verwandelt in eine junge Metropole! Und um im Bilde zu bleiben: Berlin ist eine schöne Frau im löchrigen Kleid. Ist das nicht Zauberei? Hat jemand den Zauberstab gehoben und Hokuspokus gemacht?“ Und er gab sich selbst die Antwort: „Nein!“
Darauf schwieg er, neigte sich zum Publikum und sagte leise: „Oder doch?“
Er richtete sich auf und rief: „Illusion oder Wirklichkeit, das sollen Sie sich heute Abend fragen, wenn Sie nach meiner Vorstellung den Saal verlassen. Meine Kunst ist wie diese Stadt: Zwar steht Zauberei drauf, aber Wirklichkeit ist drin. Sollte ich jetzt aber lügen, so, meine Damen und Herren, seien Sie versichert, dann ist auch das schöne Berlin nur Lug und Trug – und ich rate Ihnen, beim Nachhauseweg Pass und Passierschein bereit zu halten, Sie könnten sonst an der Mauer Schwierigkeiten bekommen!“
Erst verblüfftes Schweigen, dann Gelächter und schließlich brausender Beifall.
„Ein intelligenter Windhund, dieser Kerl.“ Der Mann neben mir hat-te sich in Schale geworfen, dunkler Anzug, Fliege auf weißem Hemd, er neigte sich zu mir, dabei traf mich sein Alkoholatem, und flüsterte wonnig. „Stimmt uns so richtig ein, was?“
Der Magier wandte sich um, aus Lautsprechern ertönte ein Tusch, und mit einem Ruck zog er von einem etwa zwei Meter hohen Kubus ein goldfarbenes Tuch, eine Metallkabine kam zum Vorschein mit einem Schaltpult an der Seite. Er hantierte am Pult, worauf sich die Kabine öffnete. Mit einer Handbewegung scheuchte er die Bären hinein, die Tür schloss sich, auf der Videoleinwand sah man beringte Finger über eine Tastatur fliegen, und schon ging die Kabinentür auf. Heraus kam ein kleiner sehr beleibter Mann, hinter ihm zur Erheiterung des Publikums eine Bohnenstange von Mann, beide gekleidet wie Lakaien aus der guten alten Zeit: himmelblau mit Kragen und Aufschlägen in gelb und silbernen Knöpfen.
Der Magier stellte sie als seine Gehilfen vor. Erneut drückte er einen Knopf, darauf klappte sich die Kabine nach beiden Seiten auf. Ein Aufstöhnen: nichts war zu sehen, die Bären waren verschwunden.
Und dann ging es Schlag auf Schlag. Die Diener steckten ihre Arme oder Bein in einen Schlitz der Kabine. Beim Herausziehen hatten sie Adlerschwingen oder Haifischflossen an sich. Einmal wedelte der Lange statt mit Armen mit Fliederzweigen, an denen violette Blütendolden hingen, und der Dicke stakste zur Gaudi der Zuschauer auf Storchbeinen über die Bühne. Der Höhepunkt war, als der Magier einen Hund mit Namen „Ciba“ rief. Der Labrador kam kläffend aus den Kulissen geschossen und rannte geradewegs in die Kabine, sie schloss sich und als sie wieder aufging, sprang ein Panther heraus, richtete sich fauchend gegen das Publikum, als wollte er sich ins Parkett stürzen. Ein Aufschrei der Zuschauer. Mit einem knappen Befehl schickte der Magier den Panther zurück in die Kabine, und noch während das Publikum aufatmete, öffnete sich die Tür erneut und heraustrat eine bildschöne, nackte Frau. Schnell warfen die Gehilfen das goldfarbene Tuch über sie und das Bühnenlicht erlosch.
Nach der Pause forderte der Magier Zuschauer auf, auf die Bühne kommen. Es kamen mehr als genug sie drängelten sich. Der Magier suchte jeweils fünf Männer und fünf Frauen verschiedenen Alters aus. Einzeln schickte er sie in die Kabine und das Publikum sollte rufen, als was sie herauskommen sollten. Und so kamen sie auch heraus: als Tiere jeder Art. Auch hier klappte jedesmal die Kabine auf und zeigte ihre völlige Leere. In dem Zustand blieben sie nur kurze Zeit, dann wurden sie in die Kabine zurückgeschickt und kamen wieder als die Menschen heraus, die sie sind. Der Magier fragte sie, ob sie sich an etwas erinnern könnten. Wieso, sagten sie, sie seien ja nur ins Dunkel getreten und gleich wieder herausgekommen. Als sie sich aber auf der Videoleinwand als Tier sahen, wollten sie es nicht glauben.
Minutenlanger Beifall am Schluss der Vorstellung. Zwar wurde „Zugabe“ geschrien, aber sie gab es nicht mehr. Lächelnd verbeugte sich der junge Mann und trat ab, während die Diener Kratzfüße und der Hund Männchen machten. Das wirkte nach der grandiosen Vorstellung derart kindlich, dass alles in Gelächter endete.
Ich muss gestehen: ich war ziemlich verwirrt. Einerseits „zauberte“ der Mann offenbar mit einer Maschinentechnik, was keine große Kunst ist, gerechterweise gebührt dem Erfinder der Technik der Ap-plaus, nicht dem Magier. Andererseits kam es zu der Verwandlung von Beinen und Armen und dann sogar von ganzen Menschen, das war technisch nicht zu erklären. Oder doch? Ich musste Jan recht geben: der Magier war etwas Besonders.
Aber wieso verglich der Journalist ihn mit dem Magier im Taschenbuch? Der Roman war doch nur eine erfundene Geschichte, der Fan-tasie eines Menschen entsprungen, und als ich mir abends das Buch vornahm und die Biographie des Autors las, wurde die Sache nicht besser, im Gegenteil: er hatte den Roman in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschrieben, als Stalin in seinem Land herrschte.
„Das ist ja ewig her, was geht uns das heute an“, dachte ich, und gleichzeitig war mir klar, ich musste den Roman lesen. Zu müde, um gleich damit zu beginnen, nahm ich mir vor, es morgen zu tun. Ich hatte ja jetzt Zeit. Viel Zeit. Noch ein Blick in die Spätnachrichten, dann ging ich schlafen.
Am nächsten Morgen holte ich mir vom Bäcker ein paar Schrippen und eine Zeitung aus dem Zeitschriftenladen. Der Aufmacher stach in die Augen: BZ-Journalist brutal ermordet.
Ich las den Artikel während des Frühstücks. Die Polizei hielt sich bedeckt, sie tappe noch im Dunkeln. Nur dass die tödliche Wunde am Hals nicht von einem Messer stamme. Sie habe den Charakter eines Bisses, und der Zeitungsschreiber spekulierte, es könnte sich um ein Raubtier halten. Vielleicht handele es sich um einen Luchs. Diese Wildkatze sei im Land Brandenburg schon mehrfach gesehen worden, möglicherweise hätte sich eine in die Stadt verirrt.
Unsinn, dachte ich, die Wunde war zu gewaltig, und gegen einen Luchs kann sich der Mensch wehren, so groß ist die Wildkatze nicht, und außerdem wurde die Leiche ins Gebüsch gezerrt, dazu ist ein Luchs nicht fähig.
Ich rief Lohmeyer an, ob man schon Näheres wüsste. Er antwortete unwirsch auf meine Fragen. Er hat ja recht. Es ist eine Unart von frisch gebackenen Rentnern, bei ihrem alten Arbeitsplatz aufzukreuzen. Jedenfalls erfuhr ich, es handele sich tatsächlich um den Biss eines Raubtiers. Das Tier müsse sich in Privatbesitz befunden haben und sei ausgebrochen, denn weder im Zoo noch im Tierpark Friedrichsfelde werde ein Raubtier vermisst. Die Polizei sei alarmiert und fahnde nach dem Tier.
Der Tiergarten durfte vorerst nicht mehr betreten werden, worauf die Berliner ihn sofort in ‚Raubtiergarten‘ umtauften.
Gut, dachte ich. Da haben wir die Tötungsart und Fakt eins. Der Täter ist ein Raubtier. Aber wem gehört es? Und wieso kannte der Anrufer den Fundort der Leiche? War er vielleicht der Tierhalter? Mei-nen Kollegen hatte ich bewusst nichts von den Anrufen gesagt. Offensichtlich versuchte jemand, mich mit dem Mord in Verbindung zu bringen, und aus Erfahrung weiß ich, wie schnell aus einem Zeugen ein Verdächtiger wird. Warum sonst hatte man mich zur Leiche gelockt? War es eine verspätete Rache? Im Laufe meiner Ermittlungen habe ich eine Menge Leute hinter Gitter gebracht, kann sein, einer hat es mir nie verziehen. Wahrscheinlich würde er den Verdacht noch weiter auf mich lenken, dagegen gab es nur ein Mittel: Ich musste ihm zuvor kommen. Ich musste den Fall vor meinen Kolle-gen lösen.
Aber was hatte ich in der Hand?
Das Buch. Ich nahm es mir vor und begann, die Notierungen, Un-terstreichungen und Ausrufungszeichen zu studieren. Und dann war ich mitten drin und las den Roman in einem durch.
In ihm bringt ein Magier mit seinen zwei Gehilfen eine ganze Stadt durcheinander, ich vermute Moskau. Durch seine Zaubereien entlarvt er die Städter als gierig und dumm.
Es ist ein sonderbarer Magier, grausam, höhnisch, und doch hat er so etwas wie Moral, sogar wie Menschenliebe. Außerdem soll es sich um den Teufel handeln, was die ganze Geschichte noch verwirrender macht.
Die Hauptfiguren haben Ähnlichkeiten mit dem Doktor und seinen Gehilfen, das sehe ich wie der Journalist. Aber das ist ein Zufall, es sei denn, auch Dr. Fürst hat das Buch gelesen und ahmt den Magier nach. Aber das kann ich nicht glauben, dafür sind seine Tricks ganz anderer Art. Jedenfalls wäre das noch kein Grund für mich, den Magier aufzusuchen.
Aber warum hatte der Journalist vier Termine mit ihm? Das war merkwürdig, und meine Nase sagte mir, hier ist eine Spur.
Was hatte der Journalist bei Dr. Fürst gewollt? Eine interessante Frage, und die würde ich gerne diesem Illusionskünstler stellen.
Aber zuvor ging ich noch ins Internet und gugelte den Mann.
Mehr als 6000 Eintragungen. Die meisten Zeitungsberichte über seine Vorstellungen. Über ihn selbst war nur wenig zu erfahren: 32 Jahre alt, Doktor der Philosophie, geboren und aufgewachsen in England, die Mutter starb bei der Geburt, Schulausbildung in einem englischen Internat, Studium in Cambridge. Sohn von Prof. Dr. Dr.Johannes Fürst, Genetik-Wissenschaftler, Gründer eines Institutes für Genetik und Molekularbiologie mit angeschlossenem Unternehmen für Anti-Aging-Stoffe. Nach dem Tod des Vaters bei einem Badeunfall in der Karibik (die Leiche wurde nie gefunden) erbte er das Institut und das Unternehmen, zeigte aber kein Interesse für geschäftliche Belange und verkaufte das Unternehmen an einen inter-nationalen Konzern, das Institut behielt er. Schon während seines Studiums hatte er Auftritte als Illusionskünstler, perfektionierte sich in den USA und wurde in Las Vegas zum Star. Seit zwei Jahren zieht er mit seiner Show von Bühne zu Bühne.
Etwa um 11 betrat ich sein Hotel. Zu Kaiser-Wilhelm-Zeiten war es die Absteige für Adlige, Reiche und Politiker. Im zweiten Weltkrieg zerstört, hatte man es, wie den Admiralspalast, nach alten Plänen neu aufgebaut. Es hat nicht nur das alte Aussehen, sondern auch die alten Klientel: die Reichen und Mächtigen, Leute, für die man einen Teppiche ausrollt. Ich bin keiner davon, und so trottete ich mehr als dass ich ging über den roten Eingangsteppich, wobei ich dachte: Diese Leute, scheint’s, brauchen einen besonders großen Fußabtreter.
Erst einmal war ich hier gewesen, auf Einladung eines italienischen Politikers, durch den ich neue Mafiakenntnisse zu erhalten hoffte. Als der Ober mir die Serviette auf dem Schoß ausbreitete, wäre ich beinahe vom Stuhl gefallen. In diesem Hotel wird man entweder wie ein Kind oder wie ein Behinderter behandelt, aber die Reichen scheinen das zu schätzen. Ich ertrug es nicht und war froh, bald wieder draußen zu sein. Übrigens war das Gespräch reine Zeitver-schwendung, ich hatte nichts Neues erfahren.
Und jetzt war ich wieder hier, ein wenig besser gekleidet als damals, mit frisch gebügelter Hose, Lackschuhen, die mich drückten, einem anthrazitgrauen Regenmantel, dem man seine gehobene Preisklasse ansehen musste – dachte ich wenigstens – und auf meinem Schädel hatte ich einen Hut, der mich als Vorstandsvorsitzenden einer Aktiengesellschaft hätte ausweisen können – glaubte ich wenigstens. Trotzdem fühlte ich mich unbehaglich, als ich mich an der Rezeption nach dem Apartment von Dr. Fürst erkundigte.
Statt mir zu antworten, verlangte man meinen Namen. Ich wollte mich wortlos als Kommissar ausweisen, da fiel mir noch rechtzeitig ein, ich war nicht mehr im Dienst Ich gab meinen Namen bekannt, und sofort sank meine Stimmung auf null. Wieso sollte mich der weltberühmte Magier zu sich lassen? Nicht mal einen akademischen Titel hatte ich, der mich zumindest für Dr. Fürst gesellschaftsfähig gemacht hätte. Doch dann hörte ich wie von weither. „Sie werden erwartet.“ Und natürlich war es kein Apartment, sondern eine Suite, eine deLuxe-Suite.
Sein langer Gehilfe öffnete die Tür. Aus der Nähe war er mehr dünn als lang, in seinem knochigen Gesicht saßen eisgraue, wimpernlose Augen. Er hörte sich ungerührt an, was ich sagte, und führte mich schweigend in einen Raum mit bis auf den Boden reichende Fenster und zog sich zurück. Ein Hauch von Jasmin wehte mich an, und da ich keine Blumen entdecken konnte, musste die Luft parfümiert sein oder der Magier, der mit dem Rücken zu mir vor einem Fenster stand und hinaus auf den Pariser Platz blickte. Ich räusperte mich, er drehte sich langsam um, wobei die Gardine, wie mir schien, eine leichten Knicks machte. Wie bei seiner Vorstellung war er gekleidet: in einer schwarzen Bluse mit gewelltem Brustbesatz und einer seidig glänzenden, saloppen Hose, dazu schwarze Stoffschuhe ähnlich Ballettschuhen. Auch seine Augen waren schwarz, ebenso die Brauen, und da die Gesichtshaut sehr weiß war, fragte ich mich, ob er nicht geschminkt sei. Er lächelte. Es war ein warmes Lächeln, ich konnte nicht anders, ich musste zurücklächeln.
„Geben Sie mir Ihren Mantel.“
Er hängte ihn an einen Garderobenständer, kostbarer als mein teurer Mantel, dann bot er mir einen Sessel an, ich versank darin.
Alles war tatsächlich so, als hätte er mich erwartet, aber ich zeigte meine Überraschung nicht. Ich machte ein Gesicht, wie ich es bei den Gästen dieses Hotels beobachtet hatte, höflich interessiert, aber doch ziemlich gelangweilt. Und so betrachtete ich die Zauberkabine in Raummitte mit gespielter Gleichgültigkeit. Offenbar wollte er sie stets in seiner Nähe haben, damit kein Fremder hinter die Technik kam. Nun hatte ich sie dicht vor Augen, aber ich fand beim besten Willen nichts, was mir ihr Geheimnis hätte verraten können.
Wir hatten noch keine zwei, drei Worte gewechselt, da jagte mit auf dem Parkett klappernden Pfotennägeln der Labrador herein, hinter ihm der dicke Gehilfe, ganz rot ihm Gesicht. Er schnaufte mehr als der Hund und ächzte, Ciba sei mal wieder außer Rand und Band, wobei er den Magier „Herr Doktor“ nannte.
Als Kind hatte mich einmal ein Schäferhund umgeworfen, seitdem fürchte ich Hunde, auch wenn ich das gut zu verbergen weiß. Trotzdem musste der Magier etwas gemerkt haben, er gab einen kurzen Befehl, die Kabine öffnete sich, der Hund lief sofort hinein und die Tür schloss sich. Ich dachte, darin bliebe er jetzt eingesperrt, doch der Magier trat hinter das Schaltpult und kurz darauf ging die Tür auf. Ich erwartete, dass etwas anderes als der Hund herauskommen würde, aber nichts rührte sich, alles blieb still.
Ich blickte den Magier an, lächelnd gab er seinem feisten Diener einen Wink. Und dieser holte aus der Kabine einen Rhododendronbusch, den er sofort in ein großes Gefäß setzte. Da er die Tür offen ließ, benutzte ich die Gelegenheit, um das Innere der Kabine zu besichtigen. Umgeben von silbernen Lichtern in einem Dunkel, das weit in die Tiefe zu reichen schien, versuchte ich etwas Festes zu ertasten, tappte aber nur im leeren Geflimmer herum.
„Doktor, wo ist der Hund?“ sagte ich, als ich wieder ins Zimmer trat.
Er wies auf den Rhododendronbusch.
Ich lachte höflich und fragte ihn, ob ich mir die Rückseite der Kabine ansehen dürfe?
„Bitte“, sagte er, „tun Sie sich keinen Zwang an.“ Und ich tat es. Ein Blick genügte. Nichts. Die Kabine hatte weder einen Anbau noch einen Hinterausgang. Aber irgendwo musste der Labrador schließlich sein. Ich suchte darauf das Zimmer ab. Dabei warf ich einen Blick auf das Schaltpult. Es war weitaus komplizierter ausgestattet, als es für eine Fernbedienung zum Schließen und Öffnen der Kabine nötig war. Aber darin konnte man doch keinen Hund verschwinden lassen. Und so musste ich schließlich kapitulieren.
„Wo, zum Teufel, haben Sie den Hund versteckt?“ fragte ich.
„Sie glauben mir immer noch nicht? Alex! Hinein!“ Der Doktor stellte sich hinter das Pult, drückte ein paar Knöpfe, die Kabine öff-nete sich. Der dicke Gehilfe wälzte sich hinein, und als sich später die Tür öffnete, zeigte sich der Pantherkopf. Das Tier sah sich witternd um, dann schritt es lautlos und vor Kraft federnd zum Doktor, hockte sich auf die Hinterbeine und gähnte mit seinem prachtvollen Gebiss. Ich hatte mich hinter meinem Sessel in Sicherheit gebracht und wehrte mich gegen einen Gedanken, schon seine Andeutung ließ mich schwindeln.
In diesem Augenblick, wie in einer perfekt geplanten Dramaturgie, glitt im Hintergrund die Schiebetür auf. Erst dachte ich, das sei ein Irrtum, denn eine so aufgedonnerte junge Frau – stark geschminkt, in hautengem schwarzen Leder - passte einfach nicht in das Hotel, aber als sie mich mit großen blauen Augen anblickte, erkannte ich verblüfft, wer es war. Katrin, meine erste Liebe und zwar in dem Alter von damals, als wir beide um die zwanzig waren. Das war vor 40 Jahren!
Sie wandte sich an den Doktor und ihre Stimme war die, die ich längst vergessen glaubte: „Hast du es ihm denn nicht gesagt?“
Ich sagte kein Wort, ich sah das Gespenst einfach nur an. Der Lange hielt mir auf einem Tablett ein Glas vor die Nase, ich nahm es, kippte es, und starrte wieder hin und hörte die Stimme des Doktors wie die eines Sprechers aus dem Off.
Es sei seine Frau und Managerin. Und es sei Katrin, meine Katrin von damals, das würde ich doch wohl sehen.
Nein, das sähe ich nicht, murmelte ich.
Doch, sie sei es, fuhr er fort. Sie habe sich verjüngen lassen, ob ich nicht endlich überzeugt sei, er, der Doktor, sei zu dergleichen fähig? Denn alles, was ich bis jetzt gesehen hätte, sei kein Trick, keine Illu-sion, sei Wirklichkeit. (Seine Stimme hatte einen ärgerlichen Unter-ton.) Damit ich das begreife, habe er mir das Geheimnis seiner Technik gezeigt: Er sei kein Illusonskünstler, er sei Wissenschaftler, Genetiker, und meine ehema-lige Freundin, seine jetzige Frau habe ihn gebeten, den Kontakt mit mir herzustellen, und nun erwarte sie von mir, dass ich mich wie sie verjüngen lasse, denn sie wünsche sich (und da machte er eine Pause, verzog leicht das Gesicht) eine Liebesnacht mit mir, die, wenn er das richtig verstanden hätte, damals nicht zustande gekommen sei. Er, wenn auch ihr Ehemann, hätte nichts dagegen.
„Ist das nicht ein verlockender Gedanke?“
Erwartungsvoll sahen mich beide an.
Noch bevor er mit seiner langen Rede fertig war, hatte ich begriffen, worum es ging. Was für eine kindische Vorstellung dachte ich. Selbst wenn sie verjüngt war, hatte sie doch sechzig Jahre gelebt genau wie ich. Wie kann man sich dann lieben, als sei es das erste Mal? Ja, wenn man ein völlig neuer Mensch sein könnte. Ohne Erinnerung. Ohne alte Geschichten, die einem hinterrücks präsentiert werden können …
Ich schüttelte den Kopf.
Zwischenbemerkung. Ich weiß, was man jetzt von mir denkt. Ich würde mir alles einbilden, was ich hier berichte. Ich würde spinnen. Leider liefere ich belastendes Material dazu. Da gibt es einen dummen Vorfall aus meinem letzten Dienstjahr. Während einer langweiligen Lagebesprechung schweiften meine Gedanken ab und ich stellte mir die theoretische Frage, ob man – unhörbar für andere – nur im Kopf brummen könne. Das ließe sich sofort klären, dachte ich, drückte die Hände an die Ohren und begann zu brummen. Ich hörte es ganz deutlich in mir, aber offensichtlich keiner von den anderen. Worauf ich das Gebrumm verstärkte, es klang in meinem Kopf wie der Chor in einer Kirche, sehr schön und feierlich, und dann, auf einmal, sahen mich alle an. Na schön. Experiment misslungen. Ich entschuldigte mich.
Es war eine einmalige Geschichte, eine Albernheit, aus Langeweile geboren, also vergesst es. Ich bin so normal wie jeder andere.
Auf mein Kopfschütteln schwiegen sie. Besonders die, die ich einmal haben wollte, wie ein Mann eine Frau haben will (aber damals war ich noch kein Mann, ich erinnere mich, das war das, was mich kränkte), die sah mich sprachlos an.
Ich hielt noch das Kognakglas in der Hand. Ein sehr feines Glas. Ganz vorsichtig stellte ich es ab, in diesem Augenblick gab es nichts Wichtigeres auf der Welt, dann schwebte ich zum Garderobenständer, nahm Hut und Mantel und ging.
Und sie standen wie Bühnenfiguren, wenn der Vorhang fällt, das gefiel mir.
Erst durch einen Rempler merkte ich, dass ich mich auf der Friedrichstraße befand. Ein Pulk bayrischer Touristen zog an mir lärmend vorbei. Plötzlich hatte ich Hunger. Ich trat ins nächste Restaurant. Die jähe Stille, die weiß gedeckten Tische mit den Kerzen, die gut gekleideten Damen sowie Herren, die wie im Gebet ihre Köpfe über die Tische neigten und ab und zu Seufzer oder Gemurmel von sich gaben, das machte auf mich den Eindruck einer Kirche, in der man das Speisen zelebriert. Aber das war mir gerade recht. Ich setzte mich und bestellte bei Hochwürden, der leise herantrat, eine profane Andacht aus Gänsebraten mit Klößen und Rotkohl, dazu Rheinwein.
Und dann ließ ich den Gedanken freien Lauf, nach meiner Erfah-rung, die beste Art, sie in Reihe zu bringen.
Der Mann hatte mich hypnotisiert, ganz bestimmt. Dieses nuttige Ding mit dem Gesicht von Katrin! Aber wie war er an ihr Gesicht gekommen? Durch ein altes Foto? Und woher wusste er von der – wie sagte er? – misslungenen „Liebesnacht“?
Von wegen Liebesnacht. Beinahe hätte ich in dieser Nacht eine Frau vergewaltigt.
Anfang der 60er war das, in München, wir studierten, sie als einzige Frau Volkswirtschaft, ich Jura. Wir kannten uns seit einem halben Jahr, und an einem Samstag Abend hatten wir uns verabredet, ich sollte sie vom Hauptbahnhof abholen, und dann wollte ich sie mit auf mein Zimmer nehmen, denn diesmal wollte ich es nicht beim Händchenhalten lassen. Ich war 22 und hatte noch keine Frau berührt. Heute ist das kein Problem, aber damals, zu Adenauers Zeiten, war Sex außerhalb der Ehe kriminell, und die Justiz strafte jeden, der in der Öffentlichkeit eine sexuelle Anwandlung zeigte, und handelte es sich auch nur um Geknutsche..
Und dann wartete ich. Ich wartete und wartete, sie kam nicht. Ein Gebräu von Gefühlen begann in mir zu kochen. Ich schwitzte und ich fror, und im verzweifelten Versuch, den Abend zu retten, trat ich einer jungen Frau in den Weg. Stotternd bat ich sie um ein Rendezvous, sie begann sofort zu laufen, ich neben ihr her, stammelnd, flüsternd, flehend. Ich erinnere mich noch, es war eine Vollmondnacht, und beim ersten Laufschritt verwandelte sich der Mond in ein gelbes, schweißig glänzendes Auge, das über die Dächer jagte und uns verfolgte. Plötzlich machte die Frau kehrt und floh zum Bahnhof zurück, wo sie am Eingang zwei junge Männer ansprach. Sie zeigte mit dem Finger auf mich. Aber ich war schon an der Straßenbahnhaltestelle stehengeblieben, am ganzen Körper zitternd. Ich rechnete damit, verprügelt zu werden, das war mir egal. Aber sie kamen nicht. Und während ich mich langsam beruhigte, sah ich im Halbdunkel, wie ein Mann mit der Handfläche langsam über das Weiß im Blusenausschnitt seiner Freundin hin- und herfuhr. Träumerisch blickte sie an ihm vorbei. In diesem Moment erschienen mir die beiden als das glücklichste Paar der Welt.
Wir sahen uns nicht mehr. Ich brach das Studium ab, drei Tage später war ich in West-Berlin und bewarb mich um einen Ausbildungsplatz bei der Polizei.
Aber das ist Geschichte. Begraben und vergessen. Ich leerte das Glas und bat den Kellner um die Rechnung. Während er sie holen ging, hatte ich Zeit mich umzuschauen. Das Restaurant war von Leute besetzt, bei denen ich die Schuhe abtreten musste, wenn ich sie zu befragen hatte. Und plötzlich fiel mir ein, dass ich den Doktor wegen eines Mordes aufgesucht hatte! Und er hatte mich mit seinen Tricks abgespeist. Mit seinen Hypnose-Künsten und dieser Kabine, die ein technisches Wunderwerk sein musste. Was war er nun, der Dr. Fürst? Ein Genie oder ein grandioser Magier? Ich erinnerte mich an eine Notiz des Journalisten. „Der Teufel!“ hatte er auf einer Seite mit der Schilderung der Zauberkünste des Magiers notiert. Wenn er damit auch den Dr. Fürst meinte, schien mir das doch ein wenig übertrieben. Und dann fuhr mir durch den Kopf, warum ich den Magier aufgesucht hatte. Wegen des Journalisten. Dem die Kehle zerfetzt worden war. Wie von einem Raubtier. Einem Panther womöglich.
Der Kellner kam, ich gab ihm einen Schein, verzichtete auf das Wechselgeld und ging auf die Straße. Welch eine Freude, alles an seinem gewohnten Platz zu sehen: die Gebäude, die Autos, die Fußgänger.
Entschlossen, mich diesmal nicht überrumpeln zu lassen, machte ich mich auf den Weg zum Hotel.
Er schien nicht überrascht, ich dagegen sah erstaunt die junge Frau mit dem Gesicht von Katrin in einem Sessel sitzen, die Beine übereinander geschlagen, dass sich das Leder auf den Knien spannte, und mit einem Lächeln sagte sie:
„Ich wusste, du kommst zurück!“
Sie ist bloß eine Nutte mit einer Maske, dachte ich, lass dich nicht beeindrucken.
„Nicht Ihretwegen“, antwortete ich, „seinetwegen. Ich habe ein paar Fragen an ihn.“
Sie sprang auf und kam zu mir. „Dummer Kerl, warum sagst du Sie? Was ist los mit dir? Ich bin es! Katrin! Genau wie in München! Gefall ich dir nicht mehr? Das habe ich extra für dich angezogen. Das ist sexy! Heute darf man das! Wir wollten doch damals Sex! Gib es zu ... Wir wollten ja zu dir. Hast du das vergessen? Deine Vermieterin war im Krankenhaus, wir hätten uns lieben können, die ganze Nacht! Mein Gott, wie ich es wollte … Und dann kamst du nicht.”
Das Lachen kam wie ein Aufstoßen aus meiner Brust. Nur sie konnte von dem Plan wissen. Also war sie es. Und sie war 60 Jahre alt. Ich musste wieder lachen, ich schüttelte mich vor Lachen, bis ich mich verschluckte.
Sie blickte mich fragend an.
Und dieser Blick war es, der die vierzig Jahre einfach wegwischte. Gestern war ich am Bahnhof gewesen, heute standen wir uns gegenüber und ich sagte: „Du kamst nicht. Ich hatte gewartet, eine halbe Stunde.“
Ihr grell roter Mund öffnete sich, als hätte man sie geschlagen. Sie holte Atem und sagte: „Ich hatte den Zug verpasst, ich musste den nächsten nehmen.“
Und dann schwiegen wir beide.
„Mit Handy wäre das nicht passiert“, witzelte der Doktor im Hintergrund.
Sie ging langsam zu ihrem Sessel zurück und ließ sich hineinfallen.
„Also ein Missverständnis!“ Der Doktor, der sich während unseres Gespräches abseits gehalten hatte, kam heran, blieb zwischen uns stehen und sagte sanft und freundlich. „Das dachte ich mir. Wie ärgerlich! Und darum gebe ich euch eine zweite Chance! Liebt euch heute Nacht! Aber dann müssen Sie, Herr Kommissar, mir gestatten, Sie wieder zu dem scharfen Burschen von damals zu machen. Denn ich sehe, Ihnen fehlt etwas Wichtiges …“
Ja, dachte ich, ein neues Leben. Aber nicht nur das. Eine völlig neue Art von Leben.
„Antworte endlich“, hörte ich die junge Frau sagen. (Einmal hatte diese Stimme mich aufgewühlt, diese rauchige, leicht brüchige Stimme, sie hatte hungrig geklungen und in mir den gleichen Hunger geweckt.) Ich betrachtete sie aufmerksam. Sie war knallig geschminkt, mit künstlichen Wimpern und dunklen Augenlidern. Das waren nicht die 60er, das war heute. Genau wie das Leder auf ihrer Haut. Wozu hatte sie sich dann verjüngen lassen? Und in diesem Moment wurde mir klar, was sie war: eine armselige, leicht durchschaubare Hochstaplerin.
Ich sagte ihr, sie täte mir leid, aber ich hätte kein Interesse. Darauf erhob sie sich, warf den Kopf zurück und verließ das Zimmer.
Der Doktor wartete, bis die Tür zugeschoben war, dann wandte er sich zu mir und sagte: „Prachtvoller Abgang, was?“
„Ich kam nicht ihretwegen zurück“, sagte ich.
„Ich weiß. Aber bevor Sie mit Ihren Fragen beginnen, Herr Kom-missar, erlauben Sie mir ein paar prinzipielle Bemerkungen. Sehen Sie das Gebäude da drüben? Die Kunstakademie?“ Er zeigte zum Fenster. „Ein Ort der Kreativität. Aber was heißt den Künstlern Kreativität? Sie geben der Wirklichkeit Ausdruck.. Sie schaffen die Wirklichkeit nach.. Aber wie wäre es, wenn wir eine neue Wirklichkeit schaffen? Ich kann es! Ich werde es tun! Neue Kreaturen, eine neue Schöpfung Welt – ungeahnte Möglichkeiten. Aber sind die Menschen bereit dazu? Sie lachen über meine Magie! Aber sie würden heulen und um sich schlagen, wüssten sie, dass es Wirklichkeit ist.. Ich bin nicht nur der Zeit voraus, ich bin den Menschen voraus.. Aber, wie Sie sehen, habe ich meinen Spaß dabei.“
Er lachte selbstzufrieden. Ich hob die Hand, vergebens, er redete sofort weiter:
„Sicher wundern Sie sich, wie jung ich bin. Ich bin in Wirklichkeit so alt wie Sie. 30 Jahre habe ich geforscht, bis ich so weit war, den Menschen verjüngen zu können. Ich gelte als der Sohn meines Vaters. Sehr lustig. Dann wollte es auch meine Frau, aber ihr Anspruch ist, die Jugend noch einmal zu erleben. Da irrt sie sich. Das ist nicht machbar. Die Jugend kann man nicht noch einmal erleben, man weiß ja zu viel. Ich wollte jung sein, weil es angenehmer ist, Treppen hochzulaufen als sich hochzuschleppen. Und hübscher sieht man auch aus. Wie gefällt Ihnen das?“ Mit der Hand berührte er ein O-rangenbäumchen in seiner Nähe. „Es hat sogar schon Apfelsinen. Das ist Alex, der Dicke von meinen Gehilfen. Ich wollte mal was Tropisches um mich haben, und er wollte es so. Bis zur Vorstellung kann er sich ausruhen. Mir scheint, er – pardon – es genießt sein Sosein.“
Ich gebe zu, ich begann zuzuhören. Und als er das mit dem Apfelsinenbäumchen sagte, war ich nahe dran, ihn zu bewundern. Ich fragte ihn, warum er die Ergebnisse seiner Forschung verstecke und daraus einen Bühnenzauber mache. Er bekäme garantiert den Nobelpreis und würde mit seiner Gentechnik Milliardär.
Er winkte ungeduldig ab. „Haben Sie nicht zugehört? Man würde mich verbrennen. Ein Mensch mit göttlichen Fähigkeiten, den ertragen die Menschen nicht. Als Illusionskünstler ist er amüsant. Aber was ich ihnen zeige, ist nicht Magie. Es ist Wissenschaft. Und trotzdem applaudieren sie mir. Lustig, was?“ Er sah mich geradezu schelmisch an. „Das verstehen Sie doch?“
Was soll das Gerede, dachte ich. Er ist ein Schwätzer mit Blut an den Händen! Möge er tausend Mal ein genialer Wissenschaftler sein, er ist ein Mörder! Und darum sagte ich: „Ich nehme an, das war wohl der Grund, warum Sie den Journalisten umbrachten. Der Mann war hinter Ihr Geheimnis gekommen, nicht wahr? Ihr edles Motiv: Die Menschen sollten vor der Wahrheit geschützt werden. Oder ging es nicht eher um die Einnahmen aus Ihren Vorstellungen?“
Den Kopf schüttelnd, machte der Doktor mehrmals „tzztzzz“. „Ich habe Ihre Intelligenz offenbar überschätzt. Ich lade Sie als Einzigen unter den Menschen ein, mit mir einen Triumph der Wissenschaft zu teilen. Sie erleben einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte – und Sie kommen mit einer kleinkarierten Kritik. Mein Lieber, Sie sind leider ein Fachidiot. Außerdem war das gar nicht meine Idee, sondern ihre. Ich sollte eine Spur zu ihr legen. Sie meinte, Sie hätten Spaß daran. Und sagen Sie selbst: Wie anders als mit einem Mord kann man Ihr Interesse wecken?“ Wir sahen uns in die Augen. Er lächelte. „Eigentlich sind Sie der Mörder, zumindest aber die Ursache des Mordes!“
Ich nahm den Hut und stand auf. „Sie werden dafür bezahlen müssen, das schwöre ich Ihnen, ich werde Sie zur Strecke bringen.“
„Freut mich.“ Höflich begleitete er mich zur Tür und öffnete sie. „Auf Wiedersehen.“
In der U-Bahn blickt man vor sich hin und schweigt vor sich hin. Es ist wie bei einem Gottesdienst, man bewegt den Oberkörper gleich-mäßig mit den anderen, die monotonen Geräusche werden zum dumpfen Chor, man versinkt in Gedanken, die wie Gebetsmühlen sind.
Und ich sah den Waggon gefüllt von Wesen, die sich jederzeit verwandeln können. Zum Beispiel in verschnarchte Elche. Oder Wesen, wie es sie noch nie gab, mit Eigenschaften, die es noch nie gab. Genmanipulation, Molekularveränderungen, Nanochirurgie, Bestrahlung, Elektronik, Chemie – was am Menschen ist unveränder-bar? Wenn an uns nichts Bleibendes ist, unveränderlich das ganze Leben lang - was sind wir dann? Und es ist ja nicht nur das: Ist der Mensch umformbar, dann alles andere auch. Alles kommt ins Rutschen. Und das ganze Universum verwandelt sich in Gelee.
Ich war versucht, dem dösenden Mann neben mir auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: „Sie! Sagen Sie mir, was Sie sein wollen, ich kenne jemanden, der macht das!“
Ich glaube nicht, dass ich ihn damit erschreckt hätte. Da irrt sich der Doktor. Die Leute werden das mögen. Aber in einem hat er recht. Danach ginge keiner mehr in sein Theater. Wäre ja kein Zauber mehr. Ist ja längst Wirklichkeit. Aus mit seiner Bühnenkarriere.
Zwei-, dreimal sind mir dann doch Blicke begegnet, und sie waren nicht besonders nett. Ich drehte mein Gesicht zum Fenster und starrte auf die vorbeisausende Tunnelwand.
Der Teufel soll ihn holen, dachte ich plötzlich. Der Doktor lügt ja! Meinetwegen den Journalisten umzubringen, so zynisch kann nicht mal er sein. Er lügt. Der Journalist war hinter sein Geheimnis gekommen, deswegen hatte er ihn aus dem Weg geschafft.
Na schön, dachte ich, der Journalist ist tot, aber jetzt nehme ich seinen Platz ein. Er wird sich wundern.
Dann fiel mir der Panther ein.
Am nächsten Bahnhof stieg ich aus und entleerte meinen Magen in einen Papierkorb.
Zuhause beruhigte ich mich. Ich sah mir einen amerikanischen Action-Film an. Knallerei, Explosionen, Autojagden … Handlung unwichtig. Dabei kann ich so schön nachdenken.
Nein, er würde mich nicht umbringen. Er hatte mir sein Geheimnis selbst verraten und zwar aus dem einfachen Grund, dass ich keine Möglichkeit besitze, es an die Öffentlichkeit zu bringen.
Ich bin kein Journalist, keine Zeitung würde meine Geschichte dru-cken. Zu unglaublich das alles. Und ein alter Kommissar, der gerade pensioniert wurde, ist eh nicht ernst zu nehmen. Hat einen Knacks, der Alte. Kommt nicht klar mit seinem Ruhestand …
Übrigens bin ich nicht einmal sicher, ob das dem Journalisten gelungen wäre. Wo sind die Beweise, würde sein Chef fragen. Die alte Geschichte. Man hat Indizien, eine perfekte Theorie –aber wo sind die Beweise, heißt es. Und dann lässt man die Sache sterben.
Was habe ich? Ich kenne den Täter, es ist ein Panther. Und den An-stifter weiß ich auch.
Toll. Das, mein Lieber, beweis jetzt mal.
Bitte, hier ist ein Taschenbuch vom Journalisten.
Wie kommen Sie daran?
Ja, wie komme ich daran.
Und während ich hin und herging und nach einem Weg aus der Sackgasse suchte, klingelte die Wohnungstür.
So spät? Hatte man mal wieder vergessen, unten abzuschließen.
Ich sah durch den Spion. Ein Mann mit Schnauzer, schwarzem Haar, dunkle Brauen. Ein Ausländer. Auffallend gut gekleidet. Heller Maßanzug, braunes Hemd, der Schlips allerdings ziemlich geschmacklos, ein giftiges Grün. Er wedelte mit einer Flasche, einer Sektflasche vom feinsten, wie ich sah.
„Was wollen Sie?“ fragte ich durch den Türspalt.
Der Mann blinzelte, zog mit der freien Hand langsam den Schnauzer ab, dann die Brauen und als er die Perücke abgenommen hatte, entfuhr mir ein Seufzer. Es war nämlich so: Er nahm sein Gesicht weg und darunter erschien eine Maske.
Es musste eine Maske sein. Die Maske des Journalisten.
Ein Schauspieler!
Mechanisch öffnete ich die Tür. Unbekümmert ging er schnurstracks ins Wohnzimmer und sagte: „Komm, lass uns auf meinen Tod einen heben!“
Die Stimme tremolierte, wie die des Anrufers, doch jetzt, im Origi-nalton, erkannte ich sie wieder. Eindeutig die des Journalisten.
Dies war der Moment, wo ich wünschte, ich fiele in einen tiefen Schlaf, um später aus einem Traum aufzuwachen.
Ich war auf einen Stuhl gesunken. Ich schloss die Augen, hörte, wie das Gespenst an den Glasschrank ging. Gläser klirrten, ein Korken sprang auf, es zischte, dann kam wieder die Stimme:
„Mach die Augen auf und trink!“ Nur zweimal hatte mich der Journalist besucht, ich mochte ihn nicht, benutzte ihn nur als Nachrichtenquelle, und jetzt, bei seinem dritten Besuch, war er mir widerlicher als je zuvor.
Ich öffnete die Augen, er stand vor mir und hielt mir ein gefülltes Sektglas vor die Nase.
Er warf seinen Kopf hoch, zeigte eine perfekte Kehle, weiß wie Schneewittchen, trank aus seinem Glas und lachte dann, als er mich noch immer im Sessel sitzen sah, das Glas in der Hand, ohne dass ich etwas zu sagen wusste.
„Beruhig dich, ich erklär dir alles … Aber jetzt trink endlich! Ist ja nicht mit anzusehen, wie Berlins bester Schurkenjäger dahockt, als hätte er die Hosen voll!“
Seine plumpe Art, Komplimente zu machen, mochte ich nicht. Ich trank, verschluckte mich, hustete und fragte: „Wie hat er das geschafft?“
„Menschenskind, du kennst ihn doch. Er kann alles. Und das ist wohl auch der Grund, warum er mich zu dir schickt. Nicht mich hat dieses Tier am Hals gehabt, sondern meinen Klon!“
Ein Klon! In dieser kurzen Zeit! Und doch …
„Er ist der Teufel,“ murmelte ich.
„Ja, könnte man sagen. Weißt du, das Buch lag bei mir im Briefkasten und eine Visitenkarte von ihm, und als ich das Buch las – verrücktes Ding, was? – musste ich zu ihm hin, das war doch klar. Der Mann hielt sich womöglich selbst für den Teufel, und ich sage dir, was er dann vor meinen Augen demonstrierte, oha – das hatte ja was Teuflisches. Aber alles erklärbar! Technik, die neuste Wissenschaft … Nein, Herzchen, kein Teufel, er ist ein genialer Wissenschaftler. Der größte des neuen Jahrhunderts! Wetten?“
„Und das hast du nicht in deine Zeitung gebracht? Es ist die Jahrhundert-Geschichte!“
„Hätte mir doch keiner abgenommen.“ Er goss sich ein, trank, ging hin und her. „Es passt alles zusammen. Ich habe Schulden, kein Schwein in der Stadt hat eine Ahnung, wieviel, und da schlug er mir ein Geschäft vor. Ich soll verschwin-den. Na, das ließ ich mir nicht zweimal sagen.“ Er ging ins Bad, redete bei offener Tür weiter. „Ich hau ab nach Kalifornien. Zuerst dachte ich an Marokko. Aber in Kalifornien haben die Mädels knackigere Ärsche.“ Maskiert wie anfangs kam er heraus. „In drei Stunden geht mein Flug. Zuvor krieg ich das komplette Verjüngungsprogramm, bis runter auf zwanzig, und ein neues Gesicht, neue Papiere. Jetzt muss ich aber los … Leb wohl, alter Junge.“ Vor der Wohnungstür kam er zurück und drückte mir einen abgerissenen Zeitungsrand in die Hand. „Beinahe vergessen. Hat mir seine Frau zugesteckt.“
Die Tür fiel ins Schloss. Und ich las:
„Den Mord habe ich nicht gewollt. Sei vorsichtig!“
Ich füllte mein Glas und trank es aus. Im nächsten Augenblick wollte ich es nach russischer Art hinter mich werfen. Aber dann goss ich nach und trank, und das tat ich so lange, bis die Flasche leer war. Vielleicht wollte ich meinen Kopf damit füllen, aber er blieb leer. Dann warf ich mich aufs Bett. Da lag ich. Berauscht, aber hellwach.
Was jetzt?
Auf dem Nachttisch erblickte ich das Taschenbuch „Der Meister und Margarita“. Warum ist der Teufel nicht im Titel? Er ist ein Teufel, und die zentrale Figur der Geschichte. Und auch 70 Jahre später ist es ein Teufel, ein Teufel in Menschengestalt.
Aber was hatte ich damit zu tun?
Ich begann das Buch zum zweitenmal zu lesen.
Mein Gehirn war außer Funktion. Ich begriff nichts, die einfachsten Sätze hatten keinen Sinn. Dann kippte mir das Buch aus den Händen, ich knipste die Lampe aus und schlief sofort ein.
Niemand kann behaupten, ich hätte es nicht versucht!
Nachdem ich beim Frühstück im Radio den Bericht gehört hatte, war ich aufgesprungen, und, den Mantel im Gehen anziehend, auf die Straße gestürmt.
Im Tiergarten hatten sie Abdrucke eines Panthers gefunden und – kluge Köpfchen, meine Leute – den Panther des Magiers verdächtigt. Sie suchten ihn auf, er zeigte ihnen das Tier. In seiner Suite! Einen Panther! Das hätte doch ihren Verdacht wecken müssen… Der Panther sei zahm gewesen, sie hätten problemlos seine Tatzen kontrollieren können. Sie waren mit dem Abdruck nicht identisch. Sie waren kleiner.
Ihr Idioten, ihr habt vergessen, nach dem Hund zu fragen!
Mein Chef bot mir eine Tasse Kaffee an und ein Stück von seinem Lieblingsgebäck: Lebkuchen, ich dankte, ich war aufgeregt, einmal verhaspelte ich mich, sein schläfrig-lauernder Blick unter dicken Lidern machte mich nervös. Seine Stimme hatte einen öligen Ton, als er mich unterbrach: „Schon den neuen Computer gekauft? Und mit dem Krimi angefangen? Wissen Sie, wir alle sind mächtig neugierig!“
„Nein“, sagte ich, und bemerkte völlig unnötig, ich sei erst seit ein paar Tagen im Ruhestand. Und dann passierte mir auch noch ein ungewollter Witz. Ich sagte: Der Hund liege im Hund begraben! Der Panther sei nämlich der Hund! Das würde er sofort feststellen, wenn er Panther und Hund gleichzeitig sehen wolle. Das müsse er unbedingt verlangen. Und was die Tatzen betrifft, die hätte der Doktor manipuliert, er besäße die Technik, das sei ja sowieso die Hauptsache, man müsse die Zauberkabine durch Fachleute, Wissenschaftler, prüfen lassen. Der Mann sei ein verbrecherisches Ungeheuer!
Er tunkte ein Lebkuchenstück in den Kaffee, biss ab und sagte kauend: „Ja, gute Idee, machen wir, ja. Soll ich Ihnen einen Wagen rufen und der fährt Sie nach Haus? Oder wohin wollen Sie noch?“
Sein linkes Augenlid zuckte. Das kommt, wenn er ungeduldig wird, und darum stand ich auf. Beim Hinausgehen drehte ich mich um und sagte: „Übrigens, der ermordete Journalist ist ein Klon!“
Erst sah er mich verblüfft an, aber als ich ein Auge zukniff, lachte er schallend los.
„Sie haben mich auf den Arm genommen. Die ganze Zeit was?“
Ich hob die Aachseln und grinste. Dann ging ich.
Anschließend bummelte ich Richtung Alexanderplatz. In einer Einkaufspassage setzte ich mich auf eine Bank und tat das, was ich mir für die Pensionszeit vorgenommen hatte: Menschen beobachten, entspannt und unbefangen, ohne sie etwas verdächtigen zu müssen. Und zum erstenmal würde ich Frauen ausführlich betrachten können, ohne dass mich ein hoher Testosteronspiegel blind machen würde, und die Frauen selbst würden wegen meines Alters keinen Blick für mich haben.
Mir gegenüber, ein paar Schritte entfernt, ließ eine junge Frau ihre beiden Kinder Eis schlecken. Mit einem Tuch wischte sie ihnen den Mund ab. Etwas an dem Gesicht der Frau fesselte mich. Es war nicht besonders hübsch, trotzdem kam ich nicht los davon. Ich fragte mich, was zum Teufel ist es? Die schwarzen Augen? Die schräg angesetzten Brauen? Die etwas aufgeworfene Oberlippe? Und da traf mich ihr Blick, so böse, dass ich erst nicht glauben konnte, ich sei gemeint, darum hielt ich ihrem Blick stand. Doch ihre Miene blieb eisig und die Augen hatten eine Botschaft, an der nicht mehr zu zweifeln war: Hau ab! Ich wandte den Kopf, und sie setzte sich mit ihren Kindern auf eine Bank außerhalb meines Gesichtsfeldes.
Na, man sieht mich also doch noch.
Und dabei verhält sie sich ganz normal. Man wehrt sich gegen eine Beobachtung, das ist ein Eingriff in die Persönlichkeit. Ich stamme noch aus einer anderen Zeit. Einer extrem anderen Zeit. Da wurde man ständig beobachtet, und wenn nicht von anderen, dann von sich selbst. Der Anpassungsdruck war ungeheuer. Bloß nicht auffallen! Und heute? Maskiere dich, kleide oder entkleide dich wie du willst, geh auf den Händen oder kletter die Hausfassade hoch, niemand zeigt mit dem Finger auf dich. Ja, es kann sein, dass sie dich nicht mal bemerken. Und da kommt mir in den Sinn, das ist ja genau das, was vor einem halben Jahrhundert unser Ziel war. Wir haben es heute erreicht! Wir fallen nicht mehr auf. Keine Silhouette, kein Schatten mehr. Von allen Seiten strahlt Licht. Eigentlich ist es dazu da, um besser zu sehen, aber in Wirklichkeit gehen wir darin unter, wir sind total ausgeleuchtet und unsichtbar.
Mein Herz begann heftig zu klopfen, das Atmen fiel mir schwer. Ich musste an die frische Luft.
Als ich nach Hause kam, fand ich im Briefkasten den Brief einer Kollegin aus meinem ersten Dienstjahr. Von meinem Abschied hatte sie in einer Hausmitteilung gelesen. Dem Brief lag ein Gruppenfoto meiner Kollegen bei. Ich erkannte jeden, bloß einen jungen Mann nicht. Sehr ernst und korrekt gekleidet in Schlips und Anzug stand er in der letzten Reihe. Darum rief ich sie an. Ich wollte wissen, wer das sei.
Sie sagte auflachend, ich sei das.
Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, saß ich einen Moment wie vor den Kopf geschlagen. Ich hatte mich nicht erkannt.
Und es ist wahr, ich habe mich nie als Ganzes gesehen. Beim Rasieren oder Frisieren beachte ich nur das Gesichtsteil, um das es geht. Ich versuchte mich zu erinnern, wie ich in der Vergangenheit gewesen bin, wie ich gelebt habe. Ich sah mich bei der Arbeit, erinnerte mich an die Fälle, die ich löste, an jede Einzelheit erinnerte ich mich, aber ich sah mich nicht dabei. und da wurde mir klar, ich wusste mehr über das Aussehen und das Leben der Kriminellen, die ich hinter Gitter gebracht hatte, als von mir selbst.
Und warum? Dieser junge Mann, so nehme ich an, wollte schon immer ein anderer sein. Und das war der Grund, warum er sein Gesicht im Spiegel nicht sah. Er rasierte sich, ohne ein Gesicht zu sehen. Wange, Kinn, Lippen, Nase.. Einzelheiten sah er, aber kein Gesicht.
Aber jetzt war er Pensionär. Jetzt war er ein anderer Mensch. Und er sah es im Spiegel. Aber reichte das? Nur ein anderes Gesicht? Zudem war es ein altes Gesicht. Fremd, ja, interessant, aber alt.
Du hast nicht mehr viele Jahre vor dir, alter Mann! Wozu zeigst du dich noch?
Am nächsten Morgen wachte ich auf mit schwerem Kopf, denn ich hatte am Abend noch einiges getrunken. Nur langsam kam ich in Gang. Das Gruppenfoto fand ich zerrissen, auf dem Tisch, inmitten eines schmalen Sonnenstreifens. Das Auftauchen des Sonnenstreifens an dieser Stelle ist mir jedes Jahr das Zeichen, dass der Frühling bei mir angekommen ist. Ich warf die Fotoschnitzel in den Hausmüll und öffnete das Küchenfenster. Für eine Weile hielt ich mein Gesicht in den Sonnenstrahl.
Den Kaffee machte ich besonders stark und während ich ihn trank, beschäftigte ich mich wieder mit „meinem Mordfall“. Ich sah ein, er war unlösbar, andererseits war ich auf etwas viel Größeres gestoßen. Ich war der einzige, der von einem Wissenschaftler mit einer ungeheuren Erfindung wusste, wenn man von den anderen absieht, die sein Treiben offenbar mitmachen. Musste ich damit nicht an die Öffentlichkeit gehen? Aber wo war das Verbrechen? Gab es überhaupt eine moralische Verfehlung? Vielleicht sollte ich die ganze Ge-schichte vergessen. Was geht mich die Menschheit an?
Ich war schon so weit, das zu akzeptieren, als es an der Woh-nungsstür klingelte.
Ich öffnete die Tür einen Spalt.
Eine Vietnamesin. Ich wollte schon die Türe schließen, weil ich glaubte, sie böte mir illegale Zigaretten an. Da sagte sie leise: Putz-hilfe? Und ihr Gesicht zeigte eine so rührende Ergebenheit, dass ich innehielt. Und damit war ich verloren.
Ich habe eine Schwäche für Asiatinnen, das ist bekannt. Ich ließ sie herein und nach wenigen Worten wurden wir uns einig. Sie könne auch gut kochen, sagte sie auf einmal, und da ich noch nichts gegessen hatte, schlug ich vor, es mir doch gleich zu zeigen. Sie war nicht verwundert. Zwischen uns wuchs ein stillschweigendes Verständnis von Minute zu Minute. Sie bat um Geld zum Kauf der Zutaten, sie wolle mir ein Gericht aus ihrer Heimat zubereiten. Ich gab ihr 50 Euro. Blieb sie weg, gut. Kehrte sie zurück, um so besser. Eine Stunde später war sie wieder da mit zwei gefüllten Plastiktaschen. Für den Tisch verlangte sie eine weiße Tischdecke, um die Teller legte sie einen Kranz Blüten und in die Tischmitte stellte sie zwei Kerzen. Das Essen, ein Fischgericht, war großartig. Zum Erfolg ihrer Kochkunst spendierte ich eine Flasche Wein.
Später… Ich habe in meinem Inneren einige Hindernisse zu mir aufgebaut. Vielleicht sind es auch Schutzwälle. Jedenfalls hat es bisher keine Frau geschafft, bis in mein Innerstes vorzudringen, wo ich wehrlos bin. Aber sie schaffte es schon am ersten Tag. Wir verstan-den uns ohne Worte, wir lachten über dieselben Sachen. Den letzten Rest Misstrauen (das vielleicht bloß Angst war) warf ich von mir, als wir uns liebten.
Zwar bin ich in Liebestechniken nicht unbewandert, aber sie brachte mich dazu, jeden Punkt ihres Körpers mit besonderer Zartheit zu berühren, und mir war klar – zum zweitenmal im Leben – ich wollte diese Frau besitzen und behalten. Jetzt frage ich mich, ob sie mir nicht etwas in den Wein getan hatte.
Gegen Abend verließ sie mich. Wir vereinbarten, dass sie jeden Tag für mich kochen sollte. Sie wollte kein Geld. Nicht jetzt, sagte sie.
In der Nacht schlief ich traumlos und tief.
Die Zeit drängt, nach mir wird gefahndet, ich will es kurz machen.
Fünf Tage später erwürgte ich sie. Aber ich bin kein Mörder, von einem Mord kann hier nicht die Rede sein.
Ich möchte das erklären.
Zwischen uns gab es eine intime Beziehung. Ich hatte volles Ver-trauen zu ihr. Ich korrigiere das. Es gab etwas, das irritierte mich. Erst drückte ich es beiseite, hielt es für mein professionelles Misstrauen. Zwar nannte sie mir ihren Namen, dem Klang nach: Ti-Ma. Als ich die genaue Schreibweise wissen wollte, am einfachsten durch einen Blick in ihren Ausweis, stellte sich heraus, sie hatte keinen bei sich. Und als ich sie fragte, wo sie wohne, drückte sie mir ihren Zeigefinger auf den Mund. Auf mein Angebot, bei mir zu ü-bernachten, ging sie nicht ein. Jedesmal verließ sie mich Punkt 18.30. Meine mehrfache Bitte, sie begleiten zu dürfen, lehnte sie ab. Und am vierten Tag konnte ich nicht mehr anders, ich kontrollierte ich ihre Tasche. Ich fand weder einen Ausweis, noch sonst einen Hinweis auf ihre Wohnanschrift. Selbst einen Schlüssel konnte ich nicht finden.
Als sie mich an diesem Tage verließ, folgte ich ihr unauffällig. Sie nahm die U-Bahn, stieg am Bahnhof Friedrichstraße aus und eilte auf geradem Weg zum Admiralspalast. Es gelang mir, hinter ihr den Seiteneingang zu betreten. Im Aufenthaltsbereich der Künstler, den man Maske nennt, verschwand sie ohne anzuklopfen hinter einer Tür. Ich wartete in einem Versteck. Im Hintergrund hörte ich, wie sich langsam der Zuschauerraum füllte. Um 19.45 öffnete sich die Tür und die Gehilfen des Magiers – bereits im Livree – rollten die Verwandlungskabine in Richtung Bühne. Etwa zwei Minuten später verließ Dr. Fürst mit seinem Hund das Zimmer und ging ebenfalls in Richtung Bühne.
Warten. Dann prasselte fern im großen Saal Beifall auf.
Das primitive Türschloss ließ sich schnell öffnen. Ich kontrollierte den Raum. Spiegel, Schminkablage, davor ein Drehstuhl, Kleiderschrank, eine Kommode, darauf eine Vase mit weißen, leicht verwelkten Rosen, ein runder Tisch mit einem Tablett, einer Wasserkaraffe und drei Gläser. Ein paar Stühle, eine Ledercouch.
Es gab keinen zweiten Ausgang, auch nicht in der Toilette mit der Duschecke.
Noch weigerte ich mich, das zu denken, was nahe lag. Ich machte mir noch immer vor, sie könnte hier als Reinigungsfrau beschäftigt sein.
Aber warum versteckte sie sich?
Ich flüsterte ihren Namen. Sagte ihn laut. Wiederholte ihn. Rief ihn. Nichts.
Und dann fand ich auf einem Hocker ihr fliederfarbenes Kleid.
Im nächsten Augenblick reagierte mein Körper. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich blickte mechanisch an mir herab. Der Blick fiel auf meine Schuhspitzen, die rechte hatte an der Sohlenkante eine Erdkruste. Dann spürte ich meine Kniescheiben, sie bewegten sich, genauer: sie rutschten auf und ab wie Topfdeckel über kochendem Wasser, aber von außen, an den Hosenbeinen, war nichts zu sehen. Außerdem empfand ich keinen Schmerz, und das erstaunte mich.
So stand ich vielleicht zehn Sekunden, dann gab ich mir einen Ruck und ging aus dem Zimmer, erst langsam, dann immer schneller.
Ich habe gelernt, jedes Gefühl beim Tatort zurückzulassen und meine nächsten Schritte genau zu überlegen. Und so war es auch diesmal. Ich vergaß nicht, sorgfältig die Tür zu verschließen.
Auf der Friedrichstraße tat ich, als sei es einem anderen passiert. Während ich mir den Mantel auszog und über die Schulter warf – die Sonne schien – dachte ich: Wie pervers muss ein Mensch sein, der sich so etwas ausdenkt. Einen Hund in eine Frau zu verwandeln, um sich über den Mann, der sich in sie verliebt, lustig zu machen. Und ich beschloss, es ihm heimzuzahlen.
Als ich nachhause kam, hatte ich einen Plan entwickelt, mit dem ich ihn entlarven würde. Was dazu an Grausamkeit nötig war, wollte ich schnell tun - sobald die Frau, die keine Frau war, die Tür hinter sich geschlossen hatte.
In der Nacht schlief ich wenig. Schließlich stand ich vorzeitig auf und versuchte, mich durch das Frühstücksfernsehen abzulenken. Die Zeit kam mir vor wie ein Brei, in dem ich bis zum Hals steckte. Endlich klingelte es.
Aber kaum umarmte sie mich, kaum blickte ich in ihre braunen Augen, sah ihre kleinen Ohrmuscheln auf dem schwarzem Haar, atmete die Wärme ihres Nackens, da fiel ich ins Willenlose. Aber sie ist doch ein Hund, Hund, Hund! Immer und immer wieder sagte ich es mir, wie man ins Gesicht eines sinnlos Berauschten schlägt, damit er zu sich kommt. Trotzdem brachte ich es nicht fertig, und so lief alles ab wie gewöhnlich: sie kochte, wir aßen, wir gingen ins Bett.
Die halbe Nacht hatte ich an meinem Plan gearbeitet, ihn mit einem bedeutenden Mann der Unterwelt abgesprochen, der mir einen Dienst schuldig war, aber jetzt, wo ich ihn durchführen sollte, konnte ich es nicht.
Am späten Nachmittag tat ich es.
Es geschah, als sich unsre Zungen berührten: Ich erwürgte sie. Sie wehrte sich kaum. Das Geräusch, das sie von sich gab, war kein Röcheln. Es war ein Winseln.
Oder bildete ich mir das ein?
Ich bitte festzuhalten: Sie war kein Mensch, sie war ein Hund, in der Gestalt eines Menschen. Eine Hündin, eine Hündin! Ich hatte eine Hündin geliebt. Und ich tötete eine Hündin.
Ich wickelte die Leiche in das Bettlaken, gab telefonisch das Zeichen, und eine halbe Stunde später legten zwei Möbelpacker die Leiche in eine Truhe. Sie schoben sie in ihren Laster und fuhren davon. Ich stand am Fenster und sah zu.
Am Abend ging ich zur Vorstellung des Magiers, mein Platz war ziemlich weit vorne. Als er mit den Eisbären auf der Bühne erschien und einen Labrador an der Seite hatte, erschrak ich, aber nur kurz, selbstverständlich hatte er sich sofort einen neuen Hund zugelegt, was ihm sicher nicht schwergefallen war.
Kurz vor der Pause bemerkte ich zwei männliche Personen am rechten Rand der Bühne. An dem gekrümmten Rücken und dem leicht geneigten Kopf des einen erkannte ich Lohmeyer. Demnach war, wie vereinbart, die Polizei alarmiert worden und man hatte die Leiche in der Garderobe des Magiers gefunden.
In der Pause verließ ich die Vorstellung. Ich wusste den Doktor in guten Händen. Mein Plan hatte funktioniert.
In dieser Nacht tat ich etwas, das ich vielleicht vor 50 Jahren zum letzten Mal gemacht hatte: Ich zog die Bettdecke über den Kopf. Die Dunkelheit, die Wärme meines Körpers, mein eigener Atem – vor Entzücken verschränkte ich die Arme, rieb mir die Oberarme und kicherte dabei. Ich war in einer Höhle, und diese Höhle war mehr als Geborgenheit. Es gab nichts mehr, keine Erde, keine Menschheit, nichts gab es, nur diese Höhle, eine warme Dunkelheit, die mich vollkommen umschloss. br />
Am nächsten Morgen, während des Frühstückes, hörte ich die Nachrichten. Gleich zu Beginn berichtete der Nachrichtensprecher vom Fund einer Leiche im Schminkzimmer des Magiers Dr. Fürst. Ein anonymer Anrufer habe die Polizei alarmiert. Bei der Leiche handele es sich um eine Frau mit Würgmale am Hals. Zur Zeit werde der Magier vernommen, er bestreite, mit der Toten das Geringste zu tun zu haben.
Das war zu erwarten, dachte ich. Und wie ich meine Leute kenne, werden sie nicht locker lassen und alles auf den Kopf stellen, auch die Zauberkabine. Es ist aus, mein lieber Doktor.
In den Mittagsnachrichten hieß es plötzlich, der Magier sei außer Verdacht. Das Video einer Überwachungskamera zeige zwei Männer mit einer Truhe, wie sie den Künstlereingang betreten. Minuten später seien sie mit der Truhe wieder herausgekommen.
Ich brauchte nicht weiter zuzuhören. Mein Anschlag war gescheitert. Bald werden meine Leute die beiden Männer aufspüren und diese, mit dem Mordvorwurf konfrontiert, werden mich sofort verraten.
Nicht mehr nötig. Das Verhör könnt ihr euch sparen. Ich habe hier alles aufgeschrieben, wie es sich zugetragen hat. Das ist mein volles Geständnis, nehmt es zu Protokoll.
Und jetzt sehe ich das Gesicht des lesenden Staatsanwalts vor mir und ich weiß, er würde mir noch gern einige Fragen stellen. Doch, Herr Staatsanwalt, ich sehe es Ihnen an. Würde mir ja genauso gehen. Also bitte, hier sind meine Antworten.
Ob ich sie wirklich töten musste? Aber, Herr Staatsanwalt, das war doch notwendig. Man sollte auch die Kabine untersuchen. Da haben Sie auf das schändlichste versagt! Sie können es noch nachholen. Lassen Sie Techniker, Wissenschaftler ran, die finden die Beweise.
Nein, ich habe sie nicht geliebt. Wie kommen Sie darauf?
Ich bereue es nicht, nein.
Ja, stimmt, ich denke an sie.
Liebe? Unmöglich. Es waren ja nur vier Tage. Und außerdem ..Liebe ist in dieser Situation ein ungeheuerliches Wort. Begreifen Sie doch: Wie kann man eine Frau lieben, die eine Hündin ist? Oder zumindest war?
Wofür halten Sie mich?
Und darum war es kein Mord. Ein Tier darf man töten, es hat keine Seele. Hören Sie! Sie hatte keine Seele.
Wissen Sie, was ich denke? Er wollte mir beweisen, dass wir nur beliebige Bausteine sind und dass wir keine Seele haben, so ein Teufel ist er. Eine Seele ist ja das Unveränderliche am Menschen. Aber wenn wir keine Seele haben, was sind wir dann? Was waren wir, bevor wir Mensch waren? Alles können wir gewesen sein … Und können bald wieder etwas ganz anderes sein ...
Und jetzt hören Sie auf damit!
(Meine Lippen zittern, gleich breche ich in Tränen aus. Ich beobachte das schon geraume Zeit an mir. Je älter, um so sentimentaler. Es gibt so etwas wie Träneninkontinenz, nicht wahr?)
Ja, gut, vielleicht habe ich sie geliebt. Verstehen Sie, was das heißt? Zum zweitenmal in meinem Leben und wieder zum Narren gemacht. Alles Einbildung? Wie schön, wenn das so wäre. Andernfalls gilt, was der Doktor sagte: Die Wirklichkeit ist unerträglich.
Genug, kein Wort mehr.
Ich gehe zu ihm. Die Pistole habe ich in der Manteltasche. Ich werde ihn töten. Und dann töte ich mich. Ja, Gewalt ist die reine Verzweiflung.
Übrigens, ich weiß nicht so recht. Das Leben geht weiter, auch wenn ich tot bin. Wenn es etwas Bleibendes gibt, dann dies: das Leben. Und wenn das so ist, warum soll ich das einzige Bestehende an mir wegwerfen?
Andererseits, und das wird mir plötzlich klar: Wie anstrengend ist es doch, Mensch zu sein!
Nein, jetzt ist aber Zeit, ich muss mich beeilen.
Der Satan von Wissenschaftler wird dafür zahlen so oder so. Leben Sie wohl, meine Herren.

Nachspiel

Der Polizeipräsident telefoniert mit dem Leiter des Instituts für molekulare Genetik.
„Sie haben die Diskette gelesen?“
„Ja.“
„Was halten Sie davon?“
„Ein Fall für die Psychiatrie. Der Doktor muss unbedingt geschützt werden.“
„Ist schon angeordnet. Allerdings … Er hat heute Morgen das Hotel ohne Angabe eines Ziels verlassen. Aber wird finden ihn. Vielen Dank, Herr Professor.“
„Keine Ursache.“

Im Garten von Katrin, südlich von München. Ein sonniger Tag. In der Ferne rauchfarben die Alpen.
Dr. Fürst, seine Gehilfen, Katrin und der Hund. Die Gehilfen heben ein Loch aus, setzen eine kleine Eiche hinein. Der Dicke hält sie fest, der Lange schaufelt Erde auf die Wurzeln. Katrin und Dr. Fürst sehen zu.
Katrin: Hübsch. Er gefällt mir
Dr. Fürst: Ja … Wir müssen die Erde noch festtreten. (geht stampfend um das Bäumchen)Katrin: Jetzt habe ich ihn doch noch bekommen. Und sogar jung.
Dr. Fürst: Ja, und weglaufen kann er auch nicht mehr. Du trägst heute Rock und Bluse?
Katrin: Das hätte ich schon beim ersten Mal tragen sollen. (Der Labrador schnuppert am Bäumchen, hebt das Bein.) Pfui, wirst du wohl … (scheucht ihn weg)


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Diele

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Ralph Ronneberger
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Hallo Diele,

zunächst erst mal ein "herzliches Willkommen" auf der Leselupe. Und ... was für ein Einstand!!! Ich habe hier auf diesem Forum selten eine Geschichte gelesen, die mich so begeistert hat. Diese Erzählung ist spannend und besitzt ein unerhörtes Tempo, wo selbst die kleinen Atempausen (ich meine hier vor allem die beschreibenden Abschnitte) so unterhaltsam daher kommen, dass man selbst hier das Luftholen vergisst.

Falls der Text doch nennenswerte Schwächen haben sollte, dann habe ich sie glatt übersehen, weil mich die Handlung voll im Griff hatte.
Kommentare sollen konstruktiv sein, sollen sich kritisch mit dem Text auseinandersetzen. Uff - ich sehe mich dazu außer Stande.

Gruß Ralph

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