leselupe.de Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   3733
Themen:   54713
Momentan online:
17 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?

 Leselupe Werke   Werke suchen
Foren-Übersicht
Prosa-Foren
Lyrik-Foren
Das Beste
Das Neueste
Die LL empfiehlt
Schreibwerkstatt
Diskussionsforen
Anonymus

 Leselupe Service
Anthologien u. Reihen
Ausschreibungen
Fan-Shop
Für Webmaster
Lektorat
Neues von der LL
Rezensionen
Literatur-Webkatalog


Leselupe.de > Erzählungen
Der schwedische Vater
Eingestellt am 08. 11. 2008 09:30


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Diele
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2008

Werke: 17
Kommentare: 31
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Diele eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der schwedische Vater



Der Brief mit der Todesnachricht war handgeschrieben. „Nicht mal eine anständige Todesanzeige hat sie schicken können“, sagte seine geschiedene Frau.
Aber das verblasste gegen die Hinterlassenschaft des Vaters, und darum saß Jens, der ältere Sohn, in einem Auto auf der E 22 in Schweden. Vor gut zwanzig Jahren war es das Ferienland der Familie gewesen. Eines Tages hatte die Mutter entschieden, mit den Jungen nur noch in Spanien Ferien zu machen, der garantierten Sonne wegen. Der Vater blieb Schweden treu. Ein paar Jahre später kam die Scheidung und sein Umzug in ein schwedisches Dorf. Das Letzte, was sie von ihm hörten, war seine Heirat mit einer Schwedin. Sie hatten ihn schon fast vergessen, da kam dieser Brief mit der Kopie seines Testaments.
Bei der Erbsache handelte es sich um ein Haus mit Grundstück. Im Testament gab es einen Passus, auf den ersten Blick bedeutungslos, aber je mehr die Brüder darüber nachdachten, um so mehr empfanden sie ihn als Zumutung: sie sollten das Erbe nur bekommen, wenn sie das Tagebuch des Vaters lesen.
“Und um sicher zu gehen, dass meine Söhne auch wirklich mein Tagebuch lesen, schlage ich zwei Wege vor: Das Tagebuch wird von meiner Frau in Anwesenheit meiner Söhne verlesen. Oder sie einigen sich mit ihr auf eine andere Lösung.“
Das war der Gipfel.
Aber, so die Mutter, Gefühle dürfen bei einer Immobilie keine Rolle spielen. Und dieses lächerliche Tagebuch werden sie doch wohl lesen können, was auch immer darin stehen mag. Jens gab ihr schließlich recht. Friedrich, der jüngere, ließ sich nicht überzeugen. Ihn interessiere nicht, wie sein Vater die Zeit mit seiner Geliebten verbracht habe, und ein Haus in der schwedischen Provinz sei sowieso nichts wert.
Nach ein paar Tagen Bedenkzeit schrieb Jens zurück, ob er allein kommen könne mit der Vollmacht seines Bruders, denn dieser sei gegenwärtig gesundheitlich nicht in der Lage zu verreisen. Und ob es genüge, wenn er das Tagebuch lese und es für seinen Bruder nach Hause mitnehme.
Die Antwort kam umgehend auf einer Karte: Einverstanden.
Er machte sich reisefertig, nicht ohne zuvor versichert zu haben, das Lesen des Tagebuchs von der Qualität der Immobilie abhängig zu machen. Sei sie wertlos, käme er sofort zurück.
Seinem Mitarbeiter in der Versicherungsagentur gab er die nötigen Anweisungen, tags darauf war er schon in Schweden.
Er fuhr über fast leere Straßen. Er schaltete das Autoradio an. Eine Reportage aus einem Stadion. In Deutschland war Fußballweltmeisterschaft und zu dieser Stunde spielten in Berlin Schweden und Paraguay um den Aufstieg ins Achtelfinale. Er ließ das Radio nach einem Musiksender suchen. Eine Frauenstimme sang ein schwedisches Volkslied, wehmütig und sehnsüchtig zugleich. Auch das war kaum zu ertragen. Er schaltete das Radio aus.
Es war spät abends, noch immer schien die Sonne. Der Wagen tauchte in einen Wald, die Straße war wie ein Kanal, zu beiden Seiten eine Wand aus Bäumen, links von Abendsonne durchblitzt. Hoch oben ein blauer Streifen Himmel, und als Jens hinauf blickte und sah, wie sich der Streifen fortwährend veränderte, erinnerte ihn das an seine Kindheit. Er fragte sich, was das da oben sein könnte: eine Schlange, mal breit, mal schmal, den Kopf nach links oder rechts biegend, dabei den Wagen immer unter sich haltend, als sei er ihr Junges. Aber vielleicht war es auch ein Speer mit beweglicher Spitze, der – vom Fahrer gelenkt – dem Wagen voraus schoss, um einen Feind zu treffen. Oder war es ein Wegweiser, der den Fahrer zum Ziel führte? Und wie vor mehr als zwanzig Jahren, als er mit der Familie in Schweden Ferien machte, kam er zu keinem Ergebnis. Er zog eine Grimasse und konzentrierte sich wieder auf die Straße.
Plötzlich streiften die Scheinwerfer das Schild mit dem gesuchten Dorfnamen. Ein paar verstreut liegende Häuser, fast jedes nur mit einem erleuchteten Fenster. Dann ein Haus auf einem Hang, mit Licht in allen Fenstern.
Sie hat es getan, dachte er, sie hat es wirklich getan.
Er war angekommen.

Mit ausgestreckter Hand trat sie ihm entgegen.
Eine kleine, zierliche Person. Braune Augen unter dunklen Brauenbögen. Das schwarze, lockige Haar im Nacken hoch gebunden. In einem dunkelblauen, hochgeschlossenen Kleid.
Und wie Mutter prophezeit hatte, dachte er. Zwanzig Jahre jünger.
„Willkommen,“ sagte sie.
Er berührte ihre Fingerspitzen. „Guten Tag. Ich danke Ihnen, dass Sie deutsch mit mir sprechen.”
Sie lächelte. „Kein Problem. Ich lernte Deutsch in der Schule. Außerdem sprach es mein Vater. Und dann, natürlich, dein Vater, obwohl er es vorzog, schwedisch zu sprechen. Ein komisches Schwedisch war das, ein deutsches Schwedisch. Wir mussten oft lachen.“ Wie zur Bestätigung lachte sie, aber angestrengt und kurz.
Heimlich musterte er den Raum.
„Und bitte sag nicht Sie.“ Ihre Stimme wurde fester. „Wir duzen uns in Schweden. Es hat nicht viel zu bedeuten, macht aber vieles leichter. Hast du Hunger?“
„Nein, danke.”
Die Größe der Diele beeindruckte ihn. Wie groß mögen die Zimmer sein? Sie lachte auf, diesmal gelöst und er glaubte, Spott herauszuhören. „Nein, das hier ist es nicht. Das ist mein Haus, das Haus deines Vaters ist dort.“
Sie zeigte durchs Fenster auf ein tiefer gelegenes, halb von einer Baumkrone verdecktes Haus. „Entschuldige, wenn ich so viel lache. Ich bin ein wenig nervös. Dein Vater hatte mein Lachen gern.”
„Ich nicht“, dachte er und schwieg. Als das Schweigen peinlich zu werden drohte, sagte sie: “Vielleicht sollten wir sofort darüber reden. Wie willst du das Tagebuch lesen?“
„Wie? Sie meinen: wann.”
Sie erblasste und versuchte ein Lächeln. Er nahm die Schärfe aus seiner Stimme. “Ob ich es lesen werde, weiß ich noch nicht. Ich möchte erst einmal einen Blick hinein werfen.“
Sie nickte zweimal, mehr für sich, als hätte sie die Antwort erwar¬tet. Vom Schreibtisch am Fenster nahm sie einen schmalen Stoß Papiere. Er war erleichtert, er hatte mit weit mehr gerechnet.
“Ein Computerausdruck. Er schrieb alles in seinem Computer.”
Mit einer mädchenhaften Geste strich sie sich eine Locke aus der Stirn. Für einen Moment dachte er, sie kokettiere. Es war aber, wie das heimliche Abstützen am Schreibtisch, nur ein Zeichen der Erschöpfung. Auch er spürte jetzt seine Müdigkeit. Ob er im Haus seines Vaters übernachten könne? Gewiss. In einem der Giebelzimmer sei für ihn ein Bett gemacht und der Kühlschrank sei gefüllt. Aber sie würde sich freuen, wenn er morgens zum Frühstück käme.
“Kommt dir das Haus zu groß vor, kannst du auch hier schlafen.”
„Nein, danke. Ich bin Größe gewohnt.“ Er bezog das auf seine Berliner Altbauwohnung mit den vier Zimmern und merkte zu spät, wie dumm das in ihren Ohren geklungen haben musste. Die Hand auf der Klinke überlegte er, wie er sich mit einem “du” verabschieden konnte, aber er fand keinen unverfänglichen Satz. Ihm fiel nur das ein: „Hejdå!“ sagte er und ging.
“Gute Nacht,“ sagte sie, aber war er schon draußen.
Die Mittsommernächte sind hell, das wusste er, und doch staunte er beim Anblick der rotbraunen Fassade und der weißen Fensterumrandungen. Das Haus leuchtete, und seine drei Giebel, die große Eiche und die breite Kiesauffahrt machten es zu einer ansehnlichen Immobilie. Den Schuppen sollte man besser abreißen. Über die Steintreppe trat er ein, knipste das Licht an und sah sich um. Rechts führte eine Holztreppe nach oben, geradeaus waren drei Türen. In der Annahme, durch die mittlere gehe es zu den Zimmern, öffnete er sie und stand verblüfft vor einem begehbaren Kleiderschrank. Das ist ja Kalifornien. Im Halbdunkel hingen Oberhemden. Als er zurücktrat, fiel das Flurlicht auf eine Stange mit Mänteln seines Vaters, den einen erkannte er sofort, es war sein Wildledermantel mit Pelzkragen.
In die Zimmer ging es durch die Tür daneben. Wie im Traum begann er eins nach dem anderen zu durchlaufen. Das kleinste Zimmer mit einem Schreibtisch und einem Computer und in der Ecke einem Bett durchschritt er hastig.
Sein Respekt vor dem Haus wuchs, als er im Dachgeschoss außer den drei Giebelzimmern ein zweites Badezimmer entdeckte. Das für ihn gemachte Bett befand sich im Zimmer zur Straßenseite. Im zweiten Zimmer sah man zum Wald und vor dem dritten stand die Eiche. Eine Lücke im Laub gab den Blick frei auf ein beleuchtetes Fenster im Haus der Witwe.
So also hatten sie es sich eingerichtet. Ein Katzensprung von einem Liebesnest zum anderen.
Er warf seinen Koffer auf das Bett. Das Haus war in Ordnung. Und mit der Witwe ging es leichter, als er erwartet hatte. Er blickte auf die Uhr, halb elf. Für ein Schadengutachten von 40 Seiten benötigte er nie mehr als zwanzig Minuten. Bis Mitternacht könnte er das Tagebuch schaffen. Er nahm das erste Blatt in die Hand und las.

*


… Ich bin soweit eingerichtet. Der Computer steht in meiner Schlafkammer, das ist praktisch. Das Fenster geht auf eine Wiese, durch sie führt ein Kiesweg zur Straße, auf der anderen Seite der Straße stehen drei Platanen und eine Birke, dahinter liegt eine Kuhweide, eingezäunt mit schräg übereinander liegenden Holzstangen, silbergrau von Witterung und Alter. Links vom Fenster biegt der Kiesweg zur Haustreppe, rechts auf der Wiese steht ein Apfelbaum, es gibt noch einen zweiten, um den zu sehen, muss ich mich aus dem Fenster beugen.
Heute Antrittsbesuch beim Nachbarn. Je früher, um so besser, dachte ich. Sein Haus steht etwas oberhalb von meinem, um es zu erreichen, musste ich einen Umweg machen. Erst runter auf die Straße, dann links kehrt, an meinem Drahtzaun vorbei, dann kommt der Holzzaun vom Nachbarn mit einer Menge Briefkästen, beim Näherkommen erkenne ich Nistkästen, einer neben dem andere, an die zwanzig Stück, dann kommt die Autoeinfahrt, ein Schwenk nach links und ich marschiere hinauf.
Und dann stehe ich auf der Steintreppe des doppelstöckigen Hauses und klopfe an die Außentür, keine Reaktion, dann noch mal und noch mal, ich weiß nicht, woher ich den Mut finde, aber wahrscheinlich will ich die Sache hinter mir haben, ich trat einfach ein, wartete, immer noch kein Mensch, ein-, zweimal ein dumpfes Stampfen, dann wieder Stille, ich geh dem Geräusch nach, eine nur angelehnte Tür, zieh sie leis auf und sehe eine Frau, die, über einem Webbalken gebeugt, in den Fäden hantiert. Sie ist fast zu klein für den großen Webstuhl. Eine schwarze Locke baumelt ihr ins Gesicht.
Ich stand wie angenagelt. Da drehte sie den Kopf, bemerkte mich, blies die Locke weg. „Ja?” sagte sie, die Hände noch immer in den Fäden. Ich beeilte mich. Sagte, sie habe mein Klopfen wohl nicht gehört. Ich sei der neue Nachbar, Deutscher, hätte das Haus gekauft und so weiter. Kramte währenddessen einen der für meine Antrittsbesuche präparierten Schokoladen-Marienkäfer aus der Jackentasche und erklärte, unter ihm klebe ein Zettel mit meinem vollständigen Namen. Damit man wisse, wie ich mich schreibe. Die Locke war ihr wieder übers Auge gerutscht, sie ließ sie da hängen, äugte mich dahinter an wie ein Vogel aus dem Dickicht und sagte ... nichts. Kurz bevor der verdammte Käfer in meiner Hand zu schmelzen begann, legte ich ihn auf ein Bücherbord links von mir, verbeugte mich und ging.
Nicht zu glauben. Ich habe wirklich einen Diener gemacht. ...

*


Die Papiere von sich schiebend, stand Jens auf. Dieser Mann war nicht sein Vater. Dessen Auftreten war selbstsicher, manchmal sogar arrogant gewesen. Und die Frau am Webstuhl ist die Witwe, seine spätere Frau, klar.
Aber was soll das? Will er seinen Söhnen weismachen, er habe sie vorher nicht gekannt? Für wie dumm hält er sie? Sie ist seine ehemalige Geliebte, ihretwegen hat er damals regelmäßig Urlaub in Schweden gemacht. Mit dem Tagebuch will er sich reinwaschen.
Morgen beim Frühstück würde Jens die Blätter überfliegen, am Mittag könnte das Notarielle erledigt werden und schon am Nachmittag, spätestens am Abend, würde er nach Berlin zurückfahren. So dachte er, als er das Fenster aufstieß und sich hinlegte. Fünf Minuten später schlief er.

Es war noch sehr früh am Morgen, die Sonne hatte gerade die Baumspitzen erreicht, als ihn Hundegekläff weckte. Näher und näher kam es, und je näher es kam, um so jämmerlicher klang es. Er sprang aus dem Bett und lief zum Fenster. Auf der Straße rannte humpelnd ein kleiner Hund vor einem Fuchs her. Der lief leicht und locker direkt hinter ihm, die Schnauze fast schon am Hinterteil des Hundes. Zuerst war Jens fasziniert, aber schon im nächsten Augenblick hatte er Mitleid mit dem Hund. Dem saß ja der Tod im Nacken. Und dieser Fuchs brauchte sich nicht mal Mühe zu geben, das sah man ihm richtig an, der war sich seines Opfers sicher. Da muss man doch was tun! Aber was? Schreien? Dann weckt man ja alle auf. Und dann war es auch schon zu spät. Als sei alles nur ein nur ein verspätetes Gespenst der Nacht gewesen, war von Hund und Fuchs nichts mehr zu sehen. Nur das klägliche Kläffen war noch eine Weile zu hören. Und erbittert fragte sich Jens: Ist denn keiner da im Dorf, der hier eingreift? Der Hund ist doch kein Wild! Der gehört doch jemandem!
Und als er so stand, strich ein kühler Luftzug über sein Gesicht und in diesem Augenblick, mit der schwebenden Stille und dem ebenso schwebenden Licht in den Bäumen, erinnerte er sich an einen Sommermorgen wie heute. Er war gerade sechs Jahre alt, alle schliefen noch, er stand vor der Hütte und sah im Gras winzige Lichter funkeln, blaue, rote, smaragdgrüne, und er ging hin, um sie zu sich genauer anzusehen, aber mit jedem näher kommenden Schritt verschwanden sie, dafür blitzten andere an anderer Stelle auf. Es war wie im Märchen, er glaubte, es seien verzauberte Diamanten, die er durch Schnelligkeit überlisten könnte. Und so jagte er hin und her, nass bis über die Knie, mit grasverklebten Beinen, bis er hinter sich die Mutter rufen hörte. Das sind doch bloß Tautropfen, sagte sie. Hatte sie gehofft, er würde danach die Jagd aufgeben, so täuschte sie sich. Im Gegenteil. Denn er sah sich vollkommen bestätigt. Die Tautropfen waren in Wirklichkeit verzauberte Diamanten. Und so stand er die nächsten Tage jedes Mal als erster auf, um den Zauber zu brechen. Nein, es gelang einfach nicht, und es war sein Vater, der ihn schließlich von seinem Irrtum befreite, indem er ein Kristallglas so ins Licht hielt, dass es farbig aufstrahlte. Trotzdem kam Jens auch die nächsten Morgen ins Gras gelaufen. Jetzt war der Grund ein anderer. Er hatte eine Welt entdeckt, die ihm gehorchte. Seine Augen hatten die Macht, sie funkeln oder nicht funkeln zu lassen.
Das war eine Ewigkeit her. Illusionen hatte er längst als Geschäfts schädigend erkannt, und was Schweden betraf, so war es der Ort einer Immobilie, die bald ihm gehören würde, und nichts weiter. Und er dachte versöhnlich: Wieso noch das Tagebuch? Wenn es seinem Vater um Wiedergutmachung ging, hätte schon das Erbe genügt. Jetzt noch eine Art Rechtfertigung lesen zu müssen, die den Geschmack von Feigheit und Schönfärberei hatte, das konnte alles verderben. Musste sein Vater sogar hier, angesichts seines Todes, den Werbefachmann spielen, der eine erbärmliche, anrüchi¬ge Sache zu verkaufen versucht?
Er blieb noch einen Augenblick stehen. Er überlegte, ob er wieder ins Bett sollte. Aber da er nun einmal wach war, war es am besten, die Sache mit dem Tagebuch zu erledigen.
Eine halbe Stunde später später setzte er sich mit einer Tasse Kaf¬fee ins Wohnzimmer und begann seine Pflichtlektüre.

*

... Mein Gag war total misslungen, und wie zum Hohn wurde ich anschließend selbst Opfer eines Gags. Gerade war ich draußen, da kam ein alter Mann um die Hausecke. Sein Bauch hing über dem Gürtel der Jeans, ein wirrer Vollbart versteckte das halbe Gesicht, darin auffallend blasse Augen, im Ganzen aber eine imposante Erscheinung. Mit einem Krückstock stemmte er sich vorwärts und streckte mir eine gelbe Bügelsäge entgegen. Zuvorkommend wie ich bin, nahm ich sie, fragte aber, was ich damit solle? Er zeigte nach unten auf die Straße und sagte plötzlich im besten Deutsch: „Säg den Mast um." Und den Stock schwingend, als gelte es, mich zu erschlagen, krähte er: "Krieg den Konzernen!" Darauf stützte er sich wieder auf die Krücke, legte den Kopf zur Seite und beäugte mich. Mir wurde es unbehaglich. War der Mann verrückt? Schließlich sagte er, jedes Wort betonend: „Ich bin Kommunist, weißt du.“
Freut mich, antwortet ich, wies aber darauf hin, dass es sich um einen Strommast handele und nicht um einen Baum. Und außerdem sei das der Strommast für mein Haus, ich bekäme keine Elektrizität mehr.
Darauf könne er keine Rücksicht nehmen, antwortete er ungeduldig, jetzt herrsche Revolution. „Gib her. Ich mache das.“
Er wollte nach der Säge greifen, ich versteckte sie hinter meinem Rücken. In diesem Moment nahm sie mir jemand weg. Es war die Frau aus dem Webzimmer. Sie sagte etwas zu dem Alten. Ich verstand es nicht, wahrscheinlich war es småländisches Platt. Als ich gehen wollte, hielt sie mich am Ärmel zurück und sagte auf Deutsch, quer über die Wiese käme ich direkt zu meinem Haus. Und dann rief sie mir nach, ich solle um drei zum Kaffee kommen. Und Dank für den Marienkäfer.
Es gibt tatsächlich einen Trampelpfad zwischen beiden Grundstücken.
Die Familie saß schon am Kaffeetisch. Eine nette Tischgesellschaft unter einem blühenden Kirschbaum: Caroline, die Schwarz¬lockige, Anita, ihre Schwester, langes blondglänzendes Haar bis auf die Schulter (wohnt etwa hundert Meter von hier entfernt in ihrem eigenen Haus, direkt an der Straße) und der Alte (Oscar heißt er und ist der Vater von beiden). Caroline hatte die Haare hinten zusammengebunden. Aber als sie einmal lachte, zog sie das weiße Band heraus und schüttelte das Haar locker. Das Lösen der Schleife, diese ruckartige, fast wilde Bewegung hat mir sehr gefallen. Auch ihr Lachen gefällt mir.

Gut geschlafen und städtisch geweckt: von einem Müllauto, das die Tonne der Hultgrens leerte.
Noch mal zu gestern. Dem Aussehen nach wäre ich nie darauf gekommen, dass die beiden Frauen verschwistert sind. Anita ist fast einen Kopf größer als Caroline mit ausgeprägt weiblicher Figur. Sie sei 52, sagte sie, ich machte ihr ein Kompliment. Darauf der Alte mit Stolz: er sei 82. 81 korrigierte Caroline. Und dann fragte er mich, woher ich komme. Als ich sagte, aus Berlin, aber ich sei in Hamburg geboren, kniff er ein Auge zu und fragte: Was macht Hitler? Ich antwortete: Er brät in der Hölle. Das gefiel ihm und er erzählte, wie er 1941 in einem Hamburger Theater als Zimmermann an Bühnenbildern mitgebaut hatte. Ich wollte von meiner Mutter berichten, die zu dieser Zeit bei einem Hamburger Theater engagiert war, kam aber nicht dazu, weil sich die Frauen um mein Alter stritten, in einer Lautstärke, damit ich es auch wirklich mitbekomme. Bei 63 unterbrach ich sie und sagte: 58. Caroline tat überrascht. So jung! Worauf ich sie dreist nach ihrem Alter fragte. Rate mal, sagte sie. In so einem Falle hat man üblicherweise ein jüngeres Alter anzugeben, ich mag das Spielchen nicht, es ist lächerlich, aber ich tat ihr den Gefallen. Schätzte sie auf wirkliche 48, zog drei geschmeichelte Jahre ab und sagte 45. Fast getroffen, meinte sie. 43.
Oha. Zum Glück stand der Alte auf, er wolle "weiterarbeiten“. Ich erfuhr, dass er im Heizungskeller aus Holzresten vom Sägewerk Nistkästen zusammennagelt. Caroline hängt sie an den Gartenzaun auf der Straßenseite für die Dörfler zum Mitnehmen. Bis vor ei¬nem Jahr habe er sie noch selbst an Waldbäume genagelt. Und dann verriet sie mir den Grund seiner Attacke auf den Strommast. Bei einer telefonischen Beschwerde wegen der unverständlichen Rechnung sei ihm der Kragen geplatzt. Überhaupt schimpfe er gerne, meinte Anita, das mache ihm richtig Spaß. Und er sei seit Jahrzehnten der einzige Linkswähler im Dorf.
Naja, einen Strommast umsägen, das sei doch wohl kein Spaß mehr, meinte ich. Keiner sagte was, sie schwiegen und mir tat Leid, was ich gesagt hatte. Aber bald lachten wir wieder. Für eine Weile setzte sich ein junges Mädchen zu uns, dünn und störrisch, mit kurzen ausgefransten Jeans, verdammt knapp waren die, das muss ich schon sagen. Anitas Tochter, Miriam, wohnt in Lund, wo sie studieren will. Sie ist zu Besuch bei ihrer Mutter.
Fazit: Durchaus sympathisch, beide Frauen. Mit Oscar, dem Alten, muss ich eine Sprachregelung finden. Senil sei er nicht, aber ernst nehmen solle ich ihn auch nicht und wie ein Kind dürfe man ihn erst recht nicht behandeln. Ein Fall für einen Meisterdiplomaten.

Das große Vorstellungstheater ist abgeblasen, denn die Nachbarn stellen sich mehr oder weniger selber vor. Heute morgen tauchten Henrik (Rentner) und sein Sohn auf, dieser ein bulliger Bursche im Overall, und machten mir das Angebot, die Fassade zu renovieren. Mit großen blauen Augen staunte mich der Alte an. Darin erinnerte er mich sofort an meinen ältesten Grafiker. Kaum hatte ihm der Texter einen Anzeigentext zur Gestaltung vorgelegt, kam er mit dem Blatt zu mir, las ihn Wort für Wort vor und fragte dann: Kannst du das begreifen? Und dabei riss er die Augen derart auf, dass ich sogleich an ein Baby denken musste, wie es mit beiden Händen in der Luft etwas zu greifen versucht.
Und jetzt also Henrik, mein Nachbar zwei Häuser weiter. Ich war mit seinem Angebot einverstanden, sagte aber, Fenster und Türen wolle ich selber streichen. Das fand er gut, denn Nichtstun, so meinte er, mache krank. Eine Stunde später rückte er auch schon mit der Schubkarre an, beladen mit Leiter, Brettern und Werkzeugen.
Am Nachmittag hielt ein weißes Auto mitten auf der Straße, win¬kend und rufend lief der Fahrer auf mein Grundstück, ich verstand: "Willkommen ... Wie geht's?" Hilfe, ein Deutscher, dachte ich - aber es war ein Schwede, die blonden Haare hatte er zu einem Rattenschwanz gebunden, auf der Brust baumelte eine Metallkette mit einem silbernen Thorhammer. Wir wechselten zwei, drei Worte, ein Auto konnte an seinem nicht vorbei, hupte, er stürmte zurück zu seinem Wagen, ich rief ihm nach, er sei immer willkommen, da fuhr er schon davon ...

*

Eine Fensterscheibe schepperte. Draußen stand eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren. Sie konnte höchstens 25 sein wenn nicht jünger, bekleidet war sie mit etwas sehr Knappem aus hellbraunem Stoff, in der Taille gerafft durch einen breiten Ledergürtel mit einem Dolch an der Seite. Gehalten wurde es an den Schultern durch zwei glänzende Spangen.
Jens öffnete das Fenster.
„Du sollst zum Frühstück kommen“, sagte sie und sah ihn belustigt an, „aber nicht im Schlafanzug. Caroline ist eine Dame!“
Sie ging am Schuppen vorbei nach oben zum Haus der Witwe, er blickte ihr nach. Ihre Beine waren nackt und die Füße steckten in Sandalen, die mit Riemen kreuzweise über den Knöcheln angebunden waren.
Er beeilte sich mit dem Anziehen und lief hinauf.
Die Witwe trug ein dunkles Kleid mit Halskrause und weißen Rüschen an den Ärmeln, etwas altmodisch, aber es stand ihr. Ihr zur Seite saß die junge Frau. Sie hatte ein schmales Gesicht mit blassblauen Augen und Sommersprossen auf der Nasenwurzel.
Sie sei ihre Nichte und studiere Germanistik, man könne also deutsch reden, sagte die Witwe.
„Und da wir uns duzen, nennen wir uns auch beim Vornamen. Ich heiße Caroline.“
„Und ich Miriam ...“ Die junge Frau mit der seltsamen Bekleidung sah ihn an. „Und du?“
Zu seiner eigenen Überraschung sagte er: „Jens und Sven ..." Und erklärte: "Der erste ist von meiner Mutter, der zweite von meinem Vater.“
„Wir wollen es bei Jens belassen,“ sagte Caroline, seine Verlegenheit überspielend. „Sonst gibt es ein Heidendurcheinander ...“
„Ich nenn ihn mal so und mal so!“ Ihre Nichte kniff ein Auge zu und musterte Jens - er trug einen Anzug mit einem hellblauen Hemd, aber ohne Schlips - und dann mit einem Blick auf den Kaffee in seiner Tasse: „Trinkst du den Kaffee immer schwarz? Dann magst du auch schwarze Augen. Ich ziehe Milchkaffee vor ... Wie deine Augen."
War das nun ein Kompliment oder eine Beleidigung? Er starrte sie an, worauf sie wegsah und leise lachte.
„Miriam, bitte sei jetzt still. Ich möchte mit Jens etwas bereden." Langsam setzte Caroline die Tasse ab. Das geschah ohne den geringsten Laut. Sie lehnte sich zurück und blickte ihn an: „Und? Hast du dich entschieden? Liest du das Tagebuch?“
Er habe schon angefangen, sagte er. Darauf wollte sie wissen, für wie lange sein Aufenthalt geplant sei. Er antwortete ausweichend. Seine eigene Versicherungsagentur könne er nicht lange allein lassen.
Sie nickte zweimal. „Wir werden sehen. Es ist Mittsommerzeit. Du solltest sie genießen. Heute ist Donnerstag, am Montag sind wir beim Notar und am Dienstag kannst du heimfahren ...“
Bevor er protestieren konnte, sprach sie weiter. „Und wenn du das Tagebuch gelesen hast, schreibst du mir mit ein paar Zeilen dazu."
„Warum?“ sagte er in einem Ton, der beiden zeigen sollte, wie ihn das kränkte. "Ist das eine Schulaufgabe?"
"Es ist weit mehr. Das wirst du noch sehen." Sie erhob sich und wollte abräumen.
„Lass, Tante, ich mach das.“ Miriam war aufgesprungen, steckte den Dolch in die Scheide, rückte den Gürtel zurecht. „Und Sven hilft mir.“ Für einen Moment stand er hilflos herum. "Nimm die Kanne und die Milch." Sie trug das Tablett mit dem Geschirr, er folgte ihr mit der Kaffeekanne und dem Milchkrug. Als sie alles auf der Spülbank abgestellt hatten, fragte sie ihn: "Willst du das Grab deines Vaters sehen?"
Er nickte, das musste ja mal sein. In diesem Augenblick rief Caroline etwas auf Schwedisch. Darauf zuckte Miriam mit der Schulter und sagte: "Sie meint, nicht jetzt. Du sollst dich erst mal finden, du bist noch gar nicht da ..."
"Das würde ich nicht so sehen,“ murmelte Jens.
Worauf sie auflachte. Nachdem sie gegangen war, bedankte er sich bei Caroline für das Frühstück. Und als handele es sich um eine Arbeit, sagte er, schon halb im Gehen: "Ich muss wieder zum Tagebuch."
Unter der Eiche stand ein Gartentisch aus Holzlatten mit zwei Klappstühlen, weiß gestrichen, wie in altberliner Gartenlokalen. Er setzte sich, steckte sich ein Stück Schokolade in den Mund und begann zu lesen.

*

... Henrik rumort an der Fassade. Er reißt die verrotteten Bretter ab und setzt neue ein, danach will er malern. Seit drei Tagen sieht das so aus: Um halb acht beginnt er, ab elf geh ich zu ihm, einfach, weil ich Angst um ihn bekomme und bitte ihn um eine Rast. Aber er hört nicht auf mich. Er arbeitet ohne Ruhepausen, weil er geradezu verliebt ist in seine Arbeit. Erst zum Mittagessen kann ich ihn von der Leiter holen, er isst mit großem Appetit, lobt mein Essen und danach serviert er mir Geschichten und Anekdoten.
Als er merkte, wie mich der Alte und seine Töchter interessieren, war es, als hätte ich eine Wasserader angestochen. Seine kugelrunden blauen Augen glänzten, seine Wangen wurden rosig und die spärlichen blonden Haare, die sonst tot auf dem Kopf klebten, sträubten sich.
Oscar sei schuld, warum Caroline nicht mehr in Stockholm wohne, wo sie in einem Buchverlag gearbeitet habe. Am Tag nach der Jahrtausendwende sei Oscar auf die Straße gelaufen und habe die Autos angehalten. Die Welt ginge unter, schrie er, aus seinem Telefon käme schon Rauch! Mit einem Motorradfahrer, der anderer Meinung war, geriet er in eine Rauferei. Anschließend ging er freiwillig in die Klinik. Die Ärzte fanden nichts. Gegen seine Erreg¬barkeit, die auch ein Teil seines Charakters sei, verschrieben sie ihm was zur Dämpfung und eine Schlaftablette für die Nacht.
Übrigens hatte es tatsächlich gequalmt. Eine der Stiefelsocken, die er zum Trocknen aufgehängt hatte, war auf den Herd gefallen.
Caroline bekommt jetzt ihre Arbeit zugeschickt. (Nach seiner Schilderung müssen es Lektoratsarbeiten sein). Anita kann nicht auf ihren Vater aufpassen, sie hat ein Restaurant in der Stadt. Sie nennt es Restaurant, aber es ist keines, es ist eine Mischung aus Kiosk und Imbiss. Hinten im Gästeraum bedient sie, vorne im Kiosk, sitzt immer ein junger Mann. Wahrscheinlich arbeitet er schwarz.
Die Schwestern sind Wirklichkeit Halbschwestern. Anita ist aus Oscars erster Ehe mit einer Dänin, die an Leukämie starb. Das Kind war da 7 Jahre alt. Danach lernte er in Stockholm eine Griechin kennen, die drei Monate nach der Hochzeit Caroline zur Welt brachte. Vier Jahre hielt die Ehe, dann verließ die Griechin ihn und ihre Tochter, ihr neuer Mann, ein superreicher Makler in Stockholm, habe darauf bestanden.
Geheiratet haben beide nicht, weder Anita noch Caroline. Anita hat laufend Liebschaften mit jüngeren Männern. Deswegen liegt sie mit ihrem Vater im Dauerkrach, auch weil sie gerne einen trinkt.
Und dann erfuhr ich, dass der Mann mit dem weißen Volvo nicht weit von hier sein Haus hat, Journalist bei einer Lokalzeitung ist und "Wikinger" genannt wird wegen seines Ticks für die Wikin¬gerzeit.

Der Alte zeigte mir, wie er die Nistkästen baut. (Ab und zu stoppt ein Auto am Zaun und der Fahrer holt sich eines). Er sitzt im Keller in einem zerschlissenen Korbsessel neben dem Warmwasserspeicher, auf den Knien hat er ein Brett und darauf nagelt er die Vogelhäuser aus Bretterresten zusammen. Das Einflugloch ist ein ausgesägtes V am oberen Rand der Frontplatte.
Er wollte wissen, wieso ich jetzt in Schweden wohne. Ein alter Traum, sagte ich. "Das ist lustig,“ meinte er. Er habe auch so einen Traum. Er sah sich vorsichtig um und flüsterte, er wolle mit der transsibirischen Eisenbahn nach China fahren. Jetzt sei es soweit, im Herbst ginge es los. Aber ich solle niemandem was sagen. Ich versprach es.


Im deutschen Fernsehen (ich hab eine Schüssel) läuft gerade eine Serie von Reportagen über den zweiten Weltkrieg. Das alles weiß ich doch längst, hab ich schon oft gesehen: Aber ich kann meinen Blick von diesen entsetzlichen Bildern nicht lösen.
Es heißt, wir sind die Summe aus Genen und Gedächtnis.
Was mich betrifft, ich bin aus Fetzen der Vergangenheit geschneidert, das weiß ich.
Das sind Nachtgedanken, wie dieser: Der Schatten an meinen Füßen ist nicht mein eigener. Es ist der Schatten meines Vaters. Und wenn ich noch so weit und noch so schnell laufe: ich entkomme ihm nicht.


Ich habe lange überlegt, es ist ein Wortbruch, aber ich musste es tun. Ich verriet Oscars Plan. (Wie soll er eine so lange Reise überstehen, wenn über die Einnahme seiner täglichen Pillen die Tochter wachen muss? Denn vergisst er auch nur eine, spielt sein Organismus verrückt.) Sie lachte. Sie wüsste es schon, das Reisebüro habe angerufen. Glücklicherweise ging sie ans Telefon. Sie stornierte die Reise und traf mit dem Büro eine Abmachung. Wenn ihr Vater sich nach den Reisepapieren erkundigt, solle man ihm sagen, es gäbe Schwierigkeiten mit dem chinesischen Einreisevisum. Zuletzt solle man ihm mitteilen, das Visum sei aus politischen Gründen abgelehnt worden, und dies wahrscheinlich, weil man ihn für politisch verdächtig halte. Dann würde ihn die Ablehnung sogar stolz machen.
Ganz schön ausgebufft, die Dame. ...

*


War das nicht ein Buchfink? Überrascht blickte Jens auf. War das nicht sogar sein Buchfink? Da, jetzt wieder! Den Pfiff kannte er aus den Schwedenferien. Jeden Tag hatte er ihn gehört. Wo er stand und wo er ging, der Vogel war ständig in seiner Nähe. Und jetzt pfiff er hier! Eindeutig derselbe Pfiff mit dem triumphierenden Triller am Schluss. Natürlich konnte es nicht derselbe Vogel sein. Welcher Vogel wird schon zwanzig Jahre alt. Und trotzdem - was für ein lustiger Gedanke, auf einen Vogel aus der Kindheit zu treffen.
Und als wäre er nicht über dreißig, sondern zwölf, wollte Jens den Buchfinken sehen. Von den Bäumen auf der anderen Seite der Straße war der Pfiff gekommen. Er ging den Kiesweg hinunter, aber als er am Gartentor stand, schwieg der Vogel.
Typisch, dachte er, und kehrte auf seinen Platz zurück. Kaum saß er, kam ein neuer Pfiff wie eine Aufforderung, noch mal zu suchen. Aber schon vor zwanzig Jahren war die Suche vergeblich gewesen. Er las weiter.

*


... Das Wetter ist fantastisch, ich mache jeden Tag eine Radtour. Der alte Oscar hat mir sein Rad angeboten, auch ein Damenfahrrad. Er benutzt es nicht mehr, weil er beim letzten Mal beim Aufsteigen gestürzt sei. Es sei viel besser als meines. Mag sein. Aber es ist komplett in Rosa gestrichen, vom Lenker bis zu den Felgen. Als ich ihn fragte, warum er das getan habe, sagte er: um die Leute zu ärgern ...
Schlug einen Weg in den Wald ein, der auf der Karte im Nirgendwo endet. Rechts und links dichte Büsche, dahinter Wald, immer nur Wald, zwischen den Bäumen ab und zu Felsen mit grauen Flechten, einer sah aus wie ein Hinkelstein. Durch Licht und Schatten, rauf und runter. Abwärts ließ ich das Rad laufen, ich ließ meinem Pferd sozusagen die Zügel schießen und es stürmte hinab, ich hüpfte auf dem Sattel hin und her, und bei jeder scharfen Wegbiegung dachte ich, wenn da jetzt ein Traktor steht oder ein Holztransporter, na dann viel Spaß ... Doch das war nur anfangs so. Ich bekam einen handfesten Waldrausch und begann wie ein Volltrunkener zu singen:
Und da sind Eichen, nackt und schwarz, dickrindig und protzend vor Kraft, sie brummen vom Frühling. Und da fluten Sterne über den Waldboden, darin Birkenstämme wie die Masten von Segelbooten, sie singen ihr grünwimpliges Lied vom Frühling. Und da sind Felsen und Steine zu Haufen geworfen, sie dröhnen vor Lust unter der Sonne, und ich höre den Himmel, er kläfft wie ein junger Hund, er jagt den Vögeln hinterher.
Da meldet sich ein Vogel mit spitzer Stimme: "Bier, Bier, Bier!" Und mir wird klar: er singt mein Lied und ich singe seins, wir sind beide nicht ganz richtig im Kopf.
Nach einer knappen Stunde endete der Weg vor einem Sumpf. Nichts wie weg - die Mücken hatten mich entdeckt.


Oscar behauptet, der Zahnarzt sei faul gewesen und habe die An¬fertigung des Gebisse dem Computer überlassen und darum sitze es so schlecht. Caroline zwingt ihn, es zu tragen, zumindest wenn ich da bin. Sind wir aber allein, zum Beispiel im Keller, nimmt er es raus. Dann schiebt sich sein Kinn nach vorn, es sieht aus wie ein Polster. Und wenn er lacht, lacht er lautlos mit einem schwarzen Loch im Bart. Nur weil er gleichzeitig die Augen zukneift und mit den Schultern zuckt, wird klar, er lacht. Daran und an sein Nuscheln habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Aber der Anfang war schlimm. Mitten im Gespräch fingerte er das Oberteil seines Gebisses aus dem Mund und drückte es mir in die Hand. "Damit ich es wiederfinde ..." Leicht angewidert gab ich es ihm zurück und suchte nach einem Behälter. Ich fand ein leeres Einmachglas. "Perfekt,“ sagte er. Seitdem benutzt er es im Keller als Aufbewahrungsort. Und ich passe auf, dass er es sich wieder einsetzt, wenn wir nach oben gehen.
Seine Erzählungen handeln meistens von seinen Reisen. Er sagt von sich selbst, er sei ein Vagabund gewesen und sei es auch heute noch. Ganz sicher würde er auch noch mal eine große Reise machen. Aus Höflichkeit schwieg ich. Den Tod meint er jedenfalls nicht, dazu glänzten seine Augen zu sehr vor Begeisterung ...

*


Sachte legte jemand die Hand auf Jens Kopf. Es war Miriam. "Hast du dich gefunden? Komm, dann schleichen wir uns an sein Grab."
Sie war noch genau so gekleidet wie beim Frühstück. Geht man so zu einem Grab?
"Wieso schleichen?" fragte er, bekam aber keine Antwort.
Es war ja auch kein Schleichen. Ganz normal ging sie den Kies¬weg zur Straße, an Carolines Grundstückseingang vorbei. Beim nächsten Haus, direkt an der Straße, bog sie ein.
"Das ist mein Haus,“ sagte sie. Dann an der linken Außenwand und an Fliederbüschen vorbei auf eine Wiese, und alles auch nur ohne den Anschein von Schleichen.
Nachdem sie die Wiese verlassen hatten, sah er, dass sie bei Carolines Gemüsegarten angekommen waren. Und hier liefen sie geduckt hinter einer Haselnusshecke entlang bis zu einem Apfelbaum nahe am Waldrand.
Unter dem Apfelbaum lagen halb im Gras drei große Feldsteine. Miriam hockte sich hin, er ließ sich auf die Knie fallen und blieb auf den Fersen sitzen.
Sie rupfte zwei gelbe Blumen aus. „Butterblumen ... Da! Nimm! Dein Vater mochte sie.“ Er wusste nicht, was er damit sollte. „Leg sie hin“, sagte sie. "Siehst du denn nicht ... Die frische Erde und KJ. Das ist dein Vater." Erst jetzt erkannte er in jedem Stein grob eingemeißelte Großbuchstaben.
KJ, die Anfangsbuchstaben vom Namen seines Vaters.
Als er die Blumen vor den Stein legte, dachte er: Das sind niemals Gräber, das sind Gedenksteine. Ganz schön verrückt das alles.
„Das hier - OH - ist mein Großvater. Er starb mit 82, und das hier ... AH ...“ Sie befreite den mittleren Stein von überhängenden Grashalmen. „Das ist meine Mutter. Sie wurde 54 ... Sie hätten ruhig das Alter dazu schreiben sollen, was meinst du?"
„Ja,“ sagte er. Und setzte sich ins Gras. „Mein Vater starb bei einem Unfall. Weißt du wie?“
Auch sie hatte es sich bequem gemacht und saß halb liegend mit nach hinten gestemmten Armen und ausgestreckten Beinen.
„Beim Baumfällen. Eine Kiefer. Das Stammende schnellte hoch, genau unter sein Kinn. Genickbruch. Die Alten sagen ein schöner Tod. Quatsch! Kein Tod ist schön! Ich hasse den Tod!“
Verwundert sah er sie an. Schwer zu sagen, ob es echt oder gespielt war. Ihrem Gesicht war nichts abzulesen. Das Kinn zitterte, aber vielleicht bildete er sich das bloß ein.
Sein Blick blieb auf ihren nackten Schultern liegen. Trotz der Sonne schien sie zu frösteln.
Mit Pfiffen sausten Schwalben über sie hin, er spürte den Windzug.
Auf dem Rückweg ging sie aufrecht, ohne Scheu, gesehen zu werden. Kein Wort fiel. Bei den Fliederbüschen fragte er sie: "War das nötig? Das Hinschleichen?"
"Nein." Sie blieb nicht einmal stehen. "War es denn nicht spannend?"
"Mäßig ..." Er überlegte. "Noch was ... Mein Vater und Caroline, die kannten sich doch längst, lang bevor er das Haus kaufte?"
Sie drehte sich um. Beinahe wäre er aufgelaufen. "Nein, wieso?"
"Er machte jahrelang allein Ferien in Schweden. Ich dachte, das wäre hier gewesen."
Sie ging weiter. "Überhaupt nicht. Liest du sein Tagebuch?"
"Ja." Er sah sich selber, wie er ihr hinterher dackelte, und musste grinsen.
"Ich würde es nicht tun. Er ist tot. Was soll das noch?"
Und mit einem langen Frauenhals hatte er sich auch noch nicht unterhalten.
"Bedingung. Es steht im Testament."
"Ja, ich weiß." Beide standen an der Hausecke. "Das passt zu deinem Vater."
"Ich könnte einfach sagen, ich hab's gelesen", sagte er.
"Kannst du. Aber sie wird dich etwas fragen. Und wenn du es dann nicht weißt, kannst du das Haus vergessen."
"Das hat sie gesagt?"
"O ja ... Mir ist egal, was drin steht! Ich will das gar nicht wissen. Aber du. Du magst wohl sein Haus, was?"
Damit bog sie um die Ecke und nahm die Treppe mit einem Sprung. "Wir sehen uns beim Mittagessen!" Und dann war sie im Haus.
Obwohl sie ihm einen Streich gespielt hatte, glaubte er ihr aufs Wort, was sie über seinen Vater gesagt hatte. Aber es war nicht nur das. Ihm schien, als hätten sie ein intimes Gespräch geführt.
Er setzte sich, nahm das vor gut einer halben Stunde hingelegte Blatt und begann zu lesen, wobei er anfangs Mühe hatte, den Zeilen zu folgen.

*


... Das fast hundert Jahre alte Holzhaus ist, wie mir alle versichern, eine Postkartenschönheit geworden. (Wenn ich bisher nichts Besonderes zustande gebracht habe, so doch wenigstens die Rettung eines alten Hauses vor seinem Verfall.) Das Ende der Fassadenarbeiten sollte eigentlich gefeiert werden, meinte Henrik, ich verstand den Wink. Heute war es so weit, eine Woche vor Midsommarafton. Unter die Eiche hatte ich Tische und Stühle gestellt, es gab Kartoffel- und Nudelsalat, Hirtensalat mit Olivenöl und griechischem Schafskäse, Wiener Würstchen, Frikadellen, Baguettebrötchen, Rotwein, Bier und diverse Säfte. Henriks Frau - eine schöne Frau mit leisen Bewegungen und einem sanftmütigen Blick - half mir mit einer Thermoskanne aus. An die 15 Leute waren gekommen, meine Nachbarn und auch einige deren Nachbarn. Caroline und ihr Vater fehlten - gerade saß er als einer der ersten, da bekam er Nasenbluten, das nicht aufhören wollte, sie fuhr ihn sofort ins Krankenhaus. Aber Anita und ihre Tochter waren da. Diese und Henriks Sohn Mats verdrückten sich bald. Woanders gab es Tanz. Damit konnte ich nicht dienen.
Für schwedische Verhältnisse ging es ziemlich laut zu. Einmal ertönte aus Männerkehlen ein ironisches Hoch auf Schwedens Regierungschef und ich ließ ihren König und meine Königin hochleben, die ja eine Deutsche sei. Darauf ein vierfaches Hurra. Und dann noch einmal ein Toast von mir, auf die hundertfünfzig Jahre Frieden in Schweden, da waren sie einen Moment überrascht, bevor sie die Gläser hoben und ihr Hurra riefen. Der Wikinger, im weißen Sommeranzug, lief zur Höchstform auf. Erzählte Anekdoten und Witze, einer ging so: Woran erkennt man einen Småländer? Der normale Mensch fragt auf dem Markt: Was kostet das? Der Småländer fragt: Kostet das was?
Nachdem sich die Gesellschaft aufgelöst und ich alles abgeräumt hatte, machte ich's mir vor dem Fernseher bequem.
Um 21.30 Uhr rappelte das Fensterglas in der hinteren Eingangstür, jemand klopfte kräftig, draußen standen der Wikinger und Anita. Ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen eine Flasche Wein zu trinken. Ich hätte doch noch eine? Aber nicht hier bei mir, sondern bei Anita ...
Ich zögerte, ich sah sie fragend an, sie erwiderte meinen Blick, sagte aber nichts. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, sie mache sich lustig über uns. Der Wikinger gab nicht auf, und plötzlich schien mir die Aussicht auf eine nächtliche Runde zu dritt gar nicht übel. Na dann los, er, die Flasche unterm Arm, und ich, die Schüssel mit dem restlichen Kartoffelsalat in den Händen, hinter Anita her marschiert, sie wohnt ja nicht weit.
Hinter ihrem Haus sind Fliederbüsche, bis über die Dachrinne, weiß blühend und violett, davor ein Gartentisch mit Bank und zwei Stühlen. Sie zog eine Blüte herab und ließ mich schnuppern, ja, so fängt er an, der Sommer.
Trinken, plaudern, leises Lachen wie aufsteigende Sektperlen. Dann kamen die Mücken, ich schlug vor, ins Haus zu gehen. Das konnten die beiden nicht verstehen, hier draußen sei es viel schöner und schließlich seien die Mücken Natur wie der Flieder, den ich ja gern habe und ich müsse nur meine Einstellung zu ihnen ändern, dann würde ich ihre Stiche nicht mehr spüren.
Wenig später begann zwischen ihr und dem Wikinger ein absurder Streit, ein absurder Disput um Atomkraftwerke und Mücken, sie meinte, Atomkraftwerke seien schlimmer als Mücken, er bekannte sich zu Atomkraftwerken, sie seien zu meistern, wohingegen gegen Mücken nichts helfe. Oder solle man mit Gewehren auf sie schießen?
Und zwischendurch flüsterte er mehrmals, sie wüsste doch, wie gern er sie habe. Darauf drohte sie jedesmal mit dem Finger und sagte: Still! Worauf er wieder auf das Thema einlenkte.
In träumerischer Stimmung beobachtete ich ihr Geplänkel, und all¬mählich wurde mir klar, sie kamen sich immer näher, jedenfalls heute Nacht, und als er von einer Mücke so am Hals gestochen wurde, dass es aus dem winzigen Loch zu bluten begann, ergriff ich die Gelegenheit zu verschwinden. "Willst du schon gehen?" fragte sie leise, während sie ihm ein Pflaster auf den Hals drückte, aber eine Antwort wollte sie gar nicht, denn sie sah mich nicht an dabei. Und er saß da mit aufgerissenen Augen, vielleicht aus Angst, in der nächsten halben Stunde zu verbluten oder vor Entzücken, weil ihre Hände ihn berührten.
Ich ging, warf noch einen Blick nach oben zum Haus des Alten, kein Licht, sicher waren sie schon zurückgekehrt und schliefen. Und dann lag ich wach und las Fitzgerald, Der große Gatsby, bis die Zeilen verschwammen. ...

*


Jens überschlug drei Seiten.

*


... Direkt vor mir an die Wand habe ich ein Foto meiner Mutter geheftet. Stammt wahrscheinlich aus der Zeit ihres ersten Theaterauftrittes. So um die zwanzig muss sie sein. In diesem Alter wurde sie schwanger. Als ich dreizehn war, erzählte sie mir, wie sehr es sie überrascht hatte. Sie hatte ein Bäuchlein bekommen, das ging nicht weg, also suchte sie eine Ärztin auf, und da erfuhr sie es: sie sei schwanger. Sie hatte – und dabei lachte sie – keine Ahnung gehabt, wie man ein Kind bekommt. Nach meiner Geburt gab sie die Schauspielerei auf. Aber da war ja auch Krieg, es blieb ihr ohnehin nichts anderes übrig.
Wie brav sie aussieht. Der dunkle, kragenlose Pulli, das billige Halskettchen und vor allem dieses weiße, über der Stirn hochgestülpte Kopftuch.
Zu brav für eine Schauspielerin.
Übrigens arbeitet der Alte zur selben Zeit in einem Hamburger Theater. Eine lustige Vorstellung, wie sich beide hinter der Bühne begegnen.
Von meinem Vater kein Foto. Es wäre ohnehin ein Bild, auf dem er durch Abwesenheit glänzt. Zuerst im Krieg und danach als Vertreter für Baumaschinen unterwegs. Ich war gerade 14, da sauste er mit dem Auto in die Elbe und ging so in die ewige Abwesenheit, was - zumindest mir - nicht weiter auffiel. ...


*



Auch du warst abwesend, dachte Jens. Selbst wenn du abends zu Hause warst. Du warst in deinem Zimmer, man hörte Musik, du pafftest, warst bei deinen Werbetexten, Anzeigenentwürfen. Wa¬ren sie dir wichtiger als wir? Oder war das nur ein Vorwand, um abzutauchen in dein Nirwana? Ich wünschte, die Wand wäre aus Glas gewesen ...


*



... Oscars Geburtstag, der 82. Wir feierten im Garten. Obwohl er über sein Haus ein generelles Alkoholverbot verhängt hat, durfte diesmal Rotwein getrunken werden. Als wir einen Toast auf ihn ausbringen wollten, verlangte er einen Teelöffel mit Wein, und als wir die Gläser hoben, hob er den Löffel feierlich an die Lippen und schlürfte ihn leer. Denn, so sagte er anschließend, Alkohol sei Medizin und dürfe, wenn überhaupt, nur so getrunken werden.
Die Unterhaltung streifte alle möglichen Gebiete, schließlich landeten wir bei Sport und Yoga. Irgend jemand sagte, Yoga sei besonders für den Bauch gut. Ja, nickte Oscar (auf den die Bemerkung wahrscheinlich zielte), das stimme, darüber wisse er Bescheid, er mache nämlich jeden Morgen Bauchyoga. Bauchyoga? Völlig unbekannt. Miriam bat ihn listig, uns das doch mal vorzumachen. Sofort stand er auf, ging ein wenig beiseite, blickte nach oben, als erflehe er himmlischen Beistand, atmete hörbar ein und - hast du nicht gesehen - der Bauch war weg. Es war auch ersichtlich, wohin: in die Brust, denn die hatte an Umfang zugenommen.
Drei, vier, fünf Sekunden, dann machte er den Mund auf. Wie aus einem geöffneten Ventil kam die Luft heraus und genau so schnell rollte der Bauch zurück auf seinen Platz über dem Hosengürtel. Er setzte sich. Er wartete. Wir applaudierten.


Während ich heute durch den Wald radelte, fiel mir ein, was ich bei meinen ersten Ferien in Schweden erlebt hatte.
Es war ein herrlicher Sommertag. Ich durfte dem Hüttenvermieter und zwei anderen Männern beim Fällen von Fichten helfen..
Am Spätnachmittag, auf dem Heimweg, sah ich sie. Eine junge Frau, um die zwanzig, schätzte ich. Links von uns, etwa fünfzehn Meter im Wald, ging sie mit uns. Sie war schlank, trug ein leichtes Sommerkleid, dessen Ärmel entweder bis zu den Ellbogen reichten oder dorthin zurückgerutscht waren, und in den Händen hielt sie einen Birkenzweig Ihre Füße waren im Dunkel des Bodens nicht zu sehen, darum schien sie zu schweben.. Sie achtete nicht auf den Weg, auf unbegreifliche Weise musste sie keinem Baum ausweichen, sie ging einfach geradeaus. Als sie merkte, wie ich hinsah, lächelte sie und drückte ihr Gesicht an den Zweig. Zuerst wollte ich die Männer auf sie aufmerksam machen, doch dann unterließ ich es. Eine Art Eifersucht hinderte mich daran. Plötzlich empfand ich, was ich sah, als etwas, das ausschließlich mir gehörte. Als ich wieder hinblickte, war sie verschwunden.
Warum bin ich ihr nicht nachgelaufen? Vielleicht, wer weiß ...
Und wie ich so darüber nachdenke, kommt mir ein Auto entgegen, am Steuer eine Frau. Unsere Blicke treffen sich. Es ist, als würden wir uns erkennen ... Und vorbei.
Wieder etwas zum Quälen!
Aber was wäre geschehen, wenn sie ausgestiegen wäre? Wir hätten ein paar Worte gewechselt und entdeckt, wie fremd wir uns sind. ...


*



Je länger Jens im Tagebuch las, um so mehr glaubte er die Stimme seines Vaters zu hören, so, als müsse er nur die Zeilen beiseite schieben und es erschiene das Gesicht seines Vaters.
Er brach das Lesen ab und ging ins Haus, um sich noch einmal die Zimmer anzusehen. Im Haus herrschte eine abwartende Stille, sogar die Zeit schien auf Gäste zu warten.
Unbewohnte Zimmer zeigen einen Anfang oder ein Ende, es liegt an dem, der sie betrachtet. Er hatte noch nicht entschieden, als was er sie sehen wollte. Verkaufen oder nutzen? Was würde ein Verkauf bringen? Wahrscheinlich nicht viel. Er hatte sich schon in Berlin kundig gemacht. Das Angebot für Landhäuser übertraf die Nachfrage, die Preise waren gefallen..
Aber man könnte es als Ferienhaus nutzen. Die Sommer in Schweden haben einen besonderen Reiz. Als wüssten sie um ihre Kürze, machen sie die Nacht zum Tage, das schärft die Sinne, erhöht die Empfindsamkeit, Jens spürte es, eine nervöse Erwartungshaltung ließ ihn nicht mehr los.
Am letzten Giebelfenster des Hauses blieb er stehen. Außen war es schmutzig, die Sicht war trotzdem gut. Dort oben, halb verdeckt vom Eichenlaub, schimmerte das Fassadenrot von Carolines Haus und ein weiß umrahmtes Fenster trat hervor und verschwand, wenn sich das Laub bewegte.
Ihm fiel ein, Caroline könnte ihn von ihrem Haus aus sehen, und er hatte großspurig gesagt, er müsse das Tagebuch lesen.
Eine Minute später saß er wieder am Gartentisch und las, schwungvoll die Blätter wendend.


*



... Heute wieder oben. Caroline servierte den Kaffee im Garten, Anita hatte früher Feierabend gemacht, und stets, wenn sie da ist, wird es lustig. Sie erzählt Schoten aus ihrem Restaurant, heute waren Deutsche da, die wollten Frikadellen, aber sie hatte nur die Kötbullar, die nahmen sie dann und der Mann hatte tatsächlich die Frechheit, beim Bezahlen zu bemerken, die Kötbullar sehen aus wie Hasenköttel, würden aber besser schmecken. Während der Unterhaltung zeigte ich meine Verwunderung, wie wenig die Schwestern sich ähnelten, weder Aussehen noch Verhalten und dass Oscar ihr Vater sei, könne man an seinem Gesicht nicht erkennen.
"Natürlich nicht, er trägt ja einen Bart." meinte Anita.
"Genau wie wir,“ sagte Caroline. "Bloß rasieren wir uns jeden Morgen."
So ging es los, es wurde immer alberner. Schließlich kamen sie auf ihre Nasen, die seien eindeutig von ihrem Vater. "Papa, Nase zeigen!" Der blickte zum Himmel und zeigte uns seine Nasenhaare.
"So lange Haare haben wir nicht“, sagte Anita und hob ihre Nase. Übrigens habe auch ich seine Nase, wie ich dazu käme? Caroline legte den Kopf schief, sah mich kritisch an und behauptete, auch der Mund sei von ihm. Worauf Anita ihren Vater aufforderte, sich zu rasieren, sie befürchte, sein Mund sei gestohlen.
Der Alte ließ sich nicht stören, er futterte, was das Zeug hielt, von irgendwoher muss ja sein Kugelbauch kommen. Er ist ein großer Kuchenesser, genau wie ich. Nur dass ich diesmal gerade zwei Muffins bekam, während er fünf verdrückte. "Sechs“, sagte er und seine Augen blitzten.

Sie sind mit dem Auto nach Stockholm gefahren, die eine zum Verlag, die andere zu einer Auktion, ich habe versprochen, für die zwei Tage ihren Vater zu versorgen. Für das Restaurant hat Anita in ihrer Tochter eine Vertretung gefunden.
Als Caroline mir zeigte, wo die Pillen für den Alten sind, machte ich eine kritische Bemerkung über das Gewehr im Papierkorb.
Keine Gefahr, meinte sie, ihr Vater benutze es nur zweimal im Jahr: in der Neujahrsnacht und am Abend vor Ostern. Mit dem Schießen schrecke man die bösen Geister ab. Das sei schwedische Tradition, allerdings mache das nur noch ihr Vater.
Ob der noch an böse Geister glaube?
Nein, aber die Dörfler zu erschrecken, das mache ihm genauso Spaß. Und da lachte sie und ich musste mitlachen.
Drei Pillen hab ich ihm heute Morgen verabreicht. (Es sind insgesamt vier, die neuste ist gegen Bluthochdruck), am Abend kriegt er noch die Schlaftablette. Bevor er die Pillen schluckte, fragte er mich, ob es eine tödliche Dosis sei, ich sagte, bis jetzt habe er es überlebt.
Jetzt macht er seinen Waldspaziergang. Ich wollte nicht mit, bei mir steht das Gras kniehoch. Muss es mähen.
Zum Mittag gibt's Milchreis.


21.30 Bevor ich mich völlig erledigt ins Bett werfe, noch das in die Annalen.
Beim Milchreis-Kochen sah ich ihn den Weg herunterkommen, er benutzte kaum den Stock, so eilig hatte er es, und statt ins Haus, ging er in den Keller. Das kam mir seltsam vor, ich also hinunter, er saß auf seinem Korbsessel vorm Heizungsofen, die Klappe geöffnet, er machte Feuer. Als er mich kommen sah, schlug er hastig die Klappe zu. Ich machte sie auf und konnte noch erkennen, was dar brannte: Es war eine Unterhose.
Seine. Und da legte er los: Er sei an einer verfallenen Hütte vorbeikommen, seit Jahren steht sie unbewohnt am Waldrand, diesmal sah er Bewegung am Fenster und da war auch ein Auto. Das war merkwürdig, das sah er gleich, die Hintersitze waren ausgebaut. So sei eine große Ladefläche entstanden, für Diebesgut beispielsweise. Und war in der Zeitung nicht von einer Einbrecherbande berichtet worden? Er geht zur Hütte, und wie er die Tür aufmacht, springt ein Mulatte aus dem Bett, ein riesiger Kerl, und kommt Fäuste schwingend auf ihn zu. Worauf er die Hände hob, "ruhig, ruhig" sagte, wie bei einem Bullen, und ganz langsam zurückwich.
"Und dabei hab ich in die Hose gemacht."
Er, der in seinem ganzen Leben vor nichts Angst gehabt hätte! Er, der durch ganz Europa getrampt sei, ganz allein! Tränen standen ihm in den Augen.
Ich versuchte ihn zu beruhigen.
Da fiel mir der Milchreis ein. Etwas konnte ich noch retten, das hätte für den Alten gereicht, ich wollte ihn holen, aber war er nicht mehr da. Auch draußen fand ich ihn nicht. Etwas wie Panik stieg in mir auf. Aber wo hätte ich ihn suchen sollen? Und dann dieser verhunzte Elektroherd. Ich musste die Spuren verwischen, bevor Caroline zurückkam. Ich war am nachpolieren, da kam Oscar herein, er lachte. Er sei ans Auto geschlichen und habe sein Messer in einen Reifen gestochen, jetzt könne der Einbrecher nicht mehr flüchten, perfekt! Man müsse nur noch die Polizei anrufen. In diesem Moment schlug jemand an die Haustür.
"Da ist der Mörder schon!" flüsterte er. Mit den Augen suchte er nach einem Versteck, ich schob ihn ins Nebenzimmer. Vor der Haustür stand der Mulatte, und wirklich, der Mann war groß wie ein Schrank und Bizeps, wo man hinsah. Ich wüsste Bescheid, fiel ich ihm ins Wort, der Alte sei ein wenig verwirrt. Was die Reifen und sein Schweigen kosten würden? Er bekam was ich bei mir hat¬te, an die 2000 Kronen. Und ich musste versprechen, auf den Alten besser aufzupassen.
Der zitterte immer noch, aber vor Neugierde. Ich sagte, er sei doch gesehen worden, und dass ich den Reifen bezahlt habe. Darauf beschimpfte er mich, warum ich einen Verbrecher bezahle. Ich erklärte ihm, der Mann habe die Hütte regulär gemietet und sei völlig unschuldig. Er müsse mir versprechen, sich ab sofort ruhig zu verhalten. Dann würde ich auch kein Wort an Caroline sagen. Er nickte. ...


*



Erst glaubte Jens, es handele sich um sein Haar, was da über dem Papierblatt baumelte. Aber das war zu lang, und dann sah er, wie sich am Fadenende etwas Grünes krümmte, eine Made, eine Raupe, was auch immer, und sie kam geradewegs aus dem Baum über ihm.
Er sprang auf und schlug mit den Papieren nach dem Faden. Irgendwie traf er ihn, jedenfalls war das eklige Vieh verschwunden, aber jetzt war ihm die Eiche nicht mehr geheuer. Und als er hinauf blickte, erkannte er angefressene Eichenblätter und ihm war klar, dies Eiche war von Ungeziefer befallen.
Dabei gefiel ihm der Platz unter ihr. Was tun?
Wieder schaute er zur Eiche. Unerschütterlich stand sie da., drei- bis vierhundert Jahre alt mochte sie sein, und nichts hatte sie umgeworfen, unbesorgt, in großer Gelassenheit stand sie da. Fast schämte er sich. Er setzte sich, ordnete die Blätter, las.


*



... Oscar hatte gut geschlafen, so sagte er wenigstens. Nach dem Frühstück machten wir einen ausgedehnten Spaziergang. Klar, er wollte mich zu der Hütte des Mulatten führen, ich lehnte das ab. Zur Strafe gehst du jetzt in die Schule, sagte er. Und dann gab's eine Lektion Naturkunde, die sich gewaschen hatte. Sämtliche Kräuter, Blumen, Büsche und Bäume, an denen wir vorbeikamen, nannte er, oft noch mit dem lateinischen Namen, und ließ mich alles wiederholen.
Zum Mittag servierte ich Eierkuchen. Ich musste die fast schwarzen Bananen untermischen, die Caroline für den Kompost vorgesehen hatte. Er nennt das Ganze Bananenpfannkuchen und das sei eine Erfindung von ihm aus der Wanderzeit. Ich konnte mir nicht verkneifen zu sagen, Pfannkuchen sei etwas anderes. Das, was Nichtberliner "Berliner" nennen. Das war ihm zu kompliziert.
Egal. Die Dinger schmeckten. Nicht übel, alter Mann.


Also doch. So ein Windhund. Die Frauen sind zurück, fast zur gleichen Zeit kam ein Streifenwagen der Polizei.
Entgegen unserer Abmachung hat er doch die Polizei angerufen und behauptet, das Haus sei ein Versteck der Einbrecherbande, die Ferienhäuser knackte. Der Mulatte ließ sich von den Polizisten widerstandslos kontrollieren. Anschließend kamen sie zu uns und wuschen Oscar den Kopf. Er solle künftig solche falschen Behauptungen unterlassen, sonst würde er noch selber im Knast landen. Er sagte keinen Mucks, schielte zu mir, als wollte er sagen: Siehst du! Stecken alle unter einer Decke ...
So erfuhren die Frauen die Geschichte, zum Glück nichts von der Reifenstecherei. Offenbar hatte der Mann sein Wort gehalten. Ich entschuldigte mich bei Caroline für mein schlampiges Aufpassen. Sie meinte, ich sollte mir keine Gedanken machen, das sei einer seiner üblichen Streiche. Währenddessen wanderte der Alte vor sich hin schimpfend und mit dem Stock fuchtelnd in der Wohnung herum. Plötzlich blieb er vor uns stehen und forderte uns auf, ihn in die Klinik zu fahren. Anita stimmte sofort zu, Caroline nach einigem Zögern. Still und brav stieg er ins Auto, ich hatte den Eindruck, als sei vollkommen zufrieden.
Um 22 Uhr sah ich den roten Wagen zurückkommen.
Ich rief oben an, Caroline war am Telefon. Sie hat ihn in der Klinik gelassen, er wollte es so. Ich schwieg ungläubig. Sie wiederholte es. Der Arzt habe zugestimmt.

Jetzt, wo Caroline allein im Hause ist, gehe ich nicht hinauf. Kein Abenteuer. Schluss mit Komplikationen jeder Art, erst recht nicht hier, an diesem friedlichen Ort. Beschaulichkeit im langsamen Fluss der Zeit - forever!
Am Nachmittag lud sie mich zum Kaffee ein, ich sagte, ich muss Wäsche waschen. Um es ihr zu beweisen, habe ich tatsächlich drei T-Shirts gewaschen. Sie hängen an der Eiche zum Trocknen.
Eine Wäscheleine auf die Einkaufsliste.


Das schwedische Brot ist zu labbrig, gesüßt und klebt am Gaumen und den Zähnen. Also back ich mir mein Brot selbst. Als Anita kürzlich eine Scheibe davon aß, war sie begeistert. Gestern Nachmittag buk ich mal wieder eines, sie war hier, ich versprach, ihr ein paar Scheiben rüberzubringen.
Als sie die Tür öffnete, hatte sie sich gerade geduscht, sie trug einen weißen Bademantel. Ich wollte schon gehen, da fragte sie, ob ich nicht ihr Haus sehen wolle? Na, warum nicht.
Überall moderner Schnickschnack, von der Mikrowelle in der Küche bis zur riesigen Stereoanlage im Wohnzimmer - die Lautsprecher sollten für einen Saal reichen. Und alles in Weiß, das Mobiliar dagegen schwarz: schwarzes Ledersofa, schwarze Ledersessel auf einem weißen Flokati-Teppich, und ein schwarzer Glasschrank mit Gläsern und Flaschen aller Art – die Hausbar. Dann, zu meiner Verblüffung, in einer Ecke, malerisch aufgebaut, ersteigerte Gegenstände aus alten Bauernhöfen. Ein hölzerner Stiefelknecht, eine Backschaufel und ein Backtrog, ein Spinnrad. Auf einem schwarz lackierten Regal Porzellanfiguren, Mokkatassen, Zinnbecher, Kerzenständer. In einem Karton eine Zelluloidpuppe mit geschlossenen Augen, als schliefe sie. Ich wollte sie näher betrachten, doch kaum berührte ich den Karton, da gingen große kaltblaue Augen auf und starrten mich böse an. Ich erschrak und Anita lachte. Sie setzte vorsichtig den Deckel auf den Karton, prüfte mit den Augen, ob er richtig saß – und ich hatte dabei das unbehagliche Gefühl, einer hexenhaften Handlung beizuwohnen. Anschließend öffnete sie einen Geigenkasten und holte eine Geige heraus, ich sollte sie halten, um ihre Leichtigkeit zu spüren. Nachdem ich das bestätigt und ihr die Geige zurückgegeben hatte, drückte sie ihre Wange auf die Rückseite der Geige, schloss sekundenlang die Augen und legte sie stumm in den Kasten zurück.
Dann die Treppe hoch ins Schlafzimmer. Verschlug mir erst die Sprache. Rote Vorhänge, ein breites Bett mit roten Bettbezügen und zwei Kopfkissen (diese in Herzform mit weißen Fransen), dazu roter Teppichboden und Nachttischlampen mit roten Zylindern.
Später saßen wir auf dem schwarzen Ledersofa im Wohnzimmer und tranken ein Glas Rotwein. Wir plauderten ein wenig, dann stand ich auf, sie brachte mich zur Tür, ich drehte mich um, doch noch ehe ich Gute Nacht sagen konnte, ergriff sie meinen Kopf mit beiden Händen, küsste mich auf den Mund und sagte: Danke.
Ich fragte, irritiert: "Wofür?"
„Für dein Brot,“ sagte sie.



Caroline bat mich um mein Auto. Anita sei mit ihrem in der Stadt und ihr Vater möchte abgeholt werden. Sie sagte das förmlich und kühl. Das war mir nicht recht, so weit sollte sich unsere Beziehung nicht abkühlen. Ich sagte, selbstverständlich würde ich sie hinfahren. Wortlos stieg sie ins Auto, stumm saß sie neben mir.
Und dann passierte etwas. In einer Kurve schaltete ich überhastet, dabei geriet meine Hand unter ihr Kleid und ich berührte ihren Schenkel. Sie strich das Kleid zurück, ich entschuldigte mich, und weil sie nichts sagte, wiederholte ich, es sei wirklich nur ein Versehen gewesen. Einen Augenblick später bat sie mich an einer Waldeinfahrt zu halten. Sie stieg aus und ging den Waldweg hinauf. Mir war nicht wohl, denn gerade vor kurzen hatte sie bei einer Diskussion am Kaffeetisch gesagt, was schwedische Frauen als erstes von den Männern verlangen: Respekt. Aber es war wirklich keine Absicht gewesen, ein Unfall meinetwegen, wenn es schon so gewaltig war. Sie kam wieder, setzte sich, ich fuhr los. Und ich begann erneut mit einer Entschuldigung. Sie unterbrach mich. "Ich habe nichts gegen eine Berührung,“ sagte sie. "Aber deine Entschuldigung ist peinlich ..." Und dann lächelte sie, es war dieses zarte schmerzliche Lächeln, das auch Anita hat, und manchmal sogar der Alte, vorausgesetzt, er hat sein Gebiss im Mund, und das in mir eine warme Aufwallung erzeugt. Wir kamen in die Stadt, sie zeigte mir den Weg zur Klinik.
Erst jetzt, beim Schreiben, fällt mir auf: sie sagte "Berührung". Nicht "versehentliche Berührung". Hat das etwas zu bedeuten?
Jedenfalls ist der Alte wieder da. Locker und entspannt saß er auf dem Rücksitz und erzählte, welche Späße er mit den Schwestern getrieben habe, wie gut das Essen gewesen sei und dass er für Ca¬roline bei einem der Krankenpfleger ein gebrauchtes Auto für 7000 Krone gekauft habe. Dann kippte er zur Seite und schlief ein. ...


*



Ein Blick auf seine Armbanduhr, noch immer keine zwölf und kein Ruf zum Mittagessen. Und noch so viele Blätter. Jens überflog ein paar Abschnitte. Plötzlich stieß er auf einen Text, der so gar nicht ins Tagebuch passte. Später würde Jens sagen, diese Zeilen habe sei Vater nachträglich eingefügt - der Söhne wegen.


*



... Nein, es war nicht nur die Konjunktur und der Rückgang der Aufträge, das hätte ich gemeistert. Ich hatte ein gutes Team. Es war etwas ganz anderes.
An einem Wochenende sah ich in der Sonntagszeitung eine großformatige Anzeige, von meiner Agentur gestaltet, man hatte sie mir offenbar nicht zur Prüfung vorgelegt. Das Motiv zeigte einen Flugkapitän, der mit der luxuriösen Ausstattung seines Jets für seine Fluglinie warb. Verblüfft erkannte ich in den Kapitän meinen Texter. Ich stellte meine Mitarbeiter zur Rede, sie wunderten sich, das sei doch üblich. Es seien doch immer Models! Und der Texter habe ein so seriöses Gesicht, außerdem sei es die preiswerteste Lösung. Sie hatten in allen Punkten recht. Ich hielt es plötzlich für Hochstapelei. Und dann entdeckte ich, für was wir alles warben! Wie nach dem Motto: Auch Gesundheit ist heilbar.
Mein Eifer ließ nach, ja, es begann mich anzuwidern. Ich verkaufte die Agentur an meine Mitarbeiter. Ich sah ihnen an, wie erleichtert sie waren. Und für mich gab es, da ich jetzt frei war und über genug Mittel verfügte, nur noch eines: Leben auf dem Land in Schweden. Das Herumgerenne in der Stadt hatte ich einfach satt. (Was tut man nicht alles, bloß weil alle es tun.) Und was Schweden betrifft, so verband mich mit diesem Land mehr als Ferienspaß in der Mitsommerzeit. Schweden entdeckt zu haben, verdanke ich eigentlich der Berliner Mauer. Ohne sie hätten wir Westberliner die Sommerferien wahrscheinlich im Berliner Umland verbracht.)
Aber da war noch die Familie, die Frau und die Jungs. Ich glaubte, es ihnen erklären zu können. Ich würde zwar in Schweden wohnen und trotzdem mit ihnen verbunden sein. Es gäbe das Telefon, das Internet, ich könnte sie jederzeit besuchen. (Umgekehrt sie natürlich auch mich.) Die Antwort: Ich müsse wissen, was ich tue. Das sei meine Entscheidung.
Ihre sachliche Art wirkte auf mich alles andere als beruhigend, im Gegenteil, sie versetzte mich in wahre Begeisterungsräusche. Am Ende verlangte ich sogar, sie sollten sich mit mir freuen.
Eines Abends kam meine Frau in mein Zimmer. Zu dieser Zeit lag ich meistens auf der Couch, vom Tag erschlagen. Sie stellte sich mir gegenüber und sah mich an. Ich drehte mich zur Seite, ich wollte sie nicht mehr sehen, ich wollte überhaupt nichts mehr sehen, und plötzlich wurde mein Gesicht nass. Ich versuchte die Tränen zu stoppen, indem ich die Augen zukniff.
Ich hörte, wie sie sagte, ich solle sie ansehen. Ich tat, als hätte ich nichts gehört. Sie wiederholte ihre Aufforderung.
Mit geschlossenen Augen drehte ich mich um. Sie wartete. Ich wartete. Dann machte ich die Augen auf.
Sie fragte, wie ich mir die finanzielle Regelung vorstelle.
Jetzt war es gut. Es war entschieden. ...


*



Sorgfältig legte Jens die Blätter zusammen.
Er nahm den kürzeren Weg am Schuppen vorbei.
Caroline stand in einer Latzschürze am Elektroherd und rührte in einem Topf.
„Du kommst zu früh, es dauert noch eine Stunde." Er wollte etwas sagen, aber sie fuhr fort: "Das schwedische Nationalgericht: Erbsensuppe und Pfannkuchen. Ich mache sie nach einem Rezept deines Vaters.“
Jens klatschte den Computerausdruck auf den kleinen Arbeitstisch am Fenster. Sie drehte sich um. Er drückte den Zeigefinger auf den Papierstoß.
„Ich lese keine Zeile mehr.“
Sich die Hände an der Schürze abwischend, sagte sie: „Komm!“
Sie ging ihm voraus ins Wohnzimmer und bat ihn, sich in den Sessel zu setzen und zu erzählen. Sie setzte sich auf einen Stuhl ihm gegenüber. Die Hände im Schoß, sah sie ihn erwartungsvoll an.
Es war ein Bild wie aus seiner Berufspraxis. Als sei er hier, um ihren Schaden zu regeln. Ohne es zu wollen, bekam seine Stimme den sanften Ton, den er anwandte, wenn er mit Geschädigten sprach. „Ich bin sicher, du weißt es schon. Selbstverständlich kennst du den Text. Daher wird es dich nicht wundern, wenn ich sage, mein Vater lügt.“ Er hob die Hand, aber sie hatte gar nicht die Absicht, zu widersprechen. Vielleicht war ihr Gesicht ein wenig blasser geworden, auch das kannte er von seinen Klienten. „Das Tagebuch ist doch nur geschrieben, um sich vor uns reinzuwaschen. Eine Geschichtsverfälschung. Die Wahrheit ist: Erstens, seine Werbeagentur stand vor der Pleite. Zweitens, es gab Probleme zwischen meinen Eltern. Das war offenbar zu viel für ihn. Er hat sich gedrückt und ist abgehauen. Aber am schlimmsten ist ..." Jetzt musste er mitteilen, dass die Versicherung nicht zahlen kann. Jedenfalls nicht die gewünschte Summe. Bedauernd, mit leichtem Schmerz in der Stimme, sagte er: "Am schlimmsten ist, dass er uns weismachen will, unsere Mutter habe die Scheidung gewollt. Das sollen wir akzeptieren, und dafür gibt er uns das Haus." Einatmen, ausatmen. Und dann: „Da machen wir nicht mit. Wir verzichten auf das Erbe!“
Sie zupfte am Saum ihres Kleides, ihr Gesicht begann zu zucken. Dann lachte sie auf, drückte rasch die Hand auf den Mund und machte ein ernstes Gesicht.
„Entschuldige. Ich habe noch nie eine so schneidige Textinterpretation gehört wie soeben! Und vor allem über einen Text, den es so auf dem Papier gar nicht gibt."
„Achja? Dann sag du mir, was darin steht.“
„O nein, das wäre gegen das Testament“, sagte sie und nickte zweimal. „Natürlich hat sich deine Mutter scheiden lassen, das hätte ich auch getan. Dein Vater hat sich nämlich gedrückt, da hast du wieder recht. Eine Scheidung musste kommen, das weißt du selbst. Ja, Männer sind in solchen Augenblicken feige, naja, nicht alle ..." Während sie sprach, waren ihre Augen von ihm zum Fenster und dann wieder zu ihm gewandert. "Ich sag dir was. Gib nicht auf. Ich bitte dich darum. Lies weiter. Das Wichtigste, das kommt ja erst noch. Und außerdem ... Miriam wäre enttäuscht, dich nicht zu sehen.“ Sie stand auf. „Weißt du, es hat keine Eile. Der Notar ist ins Wochenende gefahren, er kommt erst am Montag zurück. Mach doch einfach Ferien."
Er nahm die Tagebuchblätter an sich.
„Das hättest du mir schreiben können, das mit dem Notar,“ sagte er vorwurfsvoll. „Dann wäre ich früher gekommen.“
Sie lächelte. „Jetzt muss ich mich aber ums Essen kümmern. Ich lass dich von Miriam rufen.“
Wenig später suchte er im Halbdunkel des Schuppens nach dem Damenfahrrad. Er stolperte über hingeworfene Bretter, stieß gegen einen Tisch mit Gerümpel und kämpfte sich durch Isolierwolle. Als sich seine Augen an das Dunkel gewöhnt hatten, sah er das Rad an einem Haken an der Wand hängen. Wie es schien, war es intakt, nur die Reifen mussten aufgepumpt werden. Die Suche nach der Luftpumpe dauerte länger. Schließlich fand er sie in einem Blecheimer bei den Gartengeräten. Als er auf dem Sattel saß, um das Rad auszuprobieren, kam Miriam.
Bei ihrem Eintreten ins Wohnzimmer setzte Caroline gerade die Suppenterrine auf den feierlich gedeckten Tisch. Sie warf einen Blick auf die beiden und machte ein missbilligendes Gesicht. „Musst du schon wieder in deinem Wikingerkostüm kommen?“ Sie nahm Jens Teller, um ihn zu füllen. „Aber den Dolch wirst du bitte ablegen.“
Mit übertriebener Vorsicht, als sei er eine Bombe, legte Miriam den Dolch neben ihren Teller. Ihre Tante gab einen kurzen Laut von sich, worauf sie, theatralisch seufzend, den Dolch aufs Fensterbrett zwischen zwei Geranientöpfe schob.
„Ist das wirklich ein Wikingerkostüm oder die neuste Mode?“ fragte Jens, um die Stimmung aufzulockern. „So etwas vor 1000 Jahren ... Das kann ich mir nicht vorstellen." Er nahm von Caroline den gefüllten Teller entgegen. "Danke, Caroline.“ Da war es passiert, der Name war ihm herausgerutscht. Aber niemand schien es bemerkt zu haben und er spürte, wie er sich langsam entspannte.
"Du hast ja keine Ahnung." Miriam bediente sich selbst mit der Kelle. "Genauso war es, Jungfrauen durften sexy aussehen, aber nicht die verheirateten Frauen."
"Das hat sich geändert, Gott sei Dank." Vorsichtig berührte er den Löffel mit den Lippen.
Woher er das wisse? setzte sie nach. Er sei doch nicht verheiratet. Oder? Er verneinte es. Und blies auf den Löffel. Ob er wirklich nichts dagegen hätte, wenn seine Frau so gekleidet wäre?
Mit gespieltem Ernst antwortete er: "Ich würde sogar darauf bestehen."
Sie lachte und er schluckte den ersten Löffel Suppe. "Mm ... Ich glaub, ich mag euer Nationalgericht."
Caroline lächelte. Er fühlte sich großartig.
Schweigend aßen sie die Pfannkuchen. Auf einmal sagte die Witwe: „Wenn du das Tagebuch gelesen hast, Jens, dann überlege, ob du es meiner Nichte zu lesen gibst. Ich denke, sie hat ein Recht darauf.“
"Nein, danke." Miriam legte Messer und Gabel beiseite, obwohl sich auf dem Teller noch ein Rest Pfannkuchen befand. „Ich verzichte. So viel Deutsch kann ich gar nicht.“ Das verschlossene Gesicht ließ kein weiteres Wort zu.
„Aber halloho!“ Von Caroline mehr gesungen als gesprochen.
Worauf Miriam sagte: „Mach das noch mal, es klang so schö-hön.“
„Du kleines freches Ding. Wieso behauptest du, ein deutsches Tagebuch nicht lesen zu können?"
Und schon diskutierten beide und merkten gar nicht, dass sie ins Schwedische gefallen waren und Jens kein Wort verstand.
Sie waren auf der Haustreppe und wollten sich gerade trennen, da fragte Miriam, ob er Lust zu einer Bootstour habe, der See sei nicht weit von hier.
Stumm vor Freude, nickte er.
"Gut, ich hol dich in eine Stunde ab."
Eigentlich wollte er nicht lesen. Dazu war er zu aufgeregt. Aber er wusste nicht, wie er die Stunde hinbringen sollte, und so griff er wieder zum Tagebuch.


*



... Besuch vom Wikinger. Auch er will die Fassade seines Hauses renovieren. Wir fachsimpelten. Die rote Falunfarbe ist nicht nur die preiswerteste, sondern auch die traditionelle Holzschutzfarbe Schwedens, entstanden aus dem Sud des Erzabbaus in Falun und seit Jahrhunderten bewährt.
Ich fragte ihn, warum er ein so leidenschaftlicher Anhänger der Wikinger sei.
Seine Antwort: Das sei er nicht alleine, mittlerweile gäbe es in dieser Richtung eine Bewegung. Unsere Welt sei sehr kompliziert. Man sehne sich nach dem einfachen Leben.
Ich: Ist denn das Leben hier kompliziert?
Er sah mich überrascht an. Und ich sagte: Ich finde das Leben hier einfach, gerade deswegen bin ich ja hier.
Er lächelte und begann sich eine Zigarette zu drehen. Beim An¬feuchten des Papierrandes blickte er mich prüfend an. Dann fragte er, ob ich für eine Woche seine beiden Kater füttern könne. Er führe zu den Wikingerspielen. Klar, mach ich. Am Nachmittag besuchte ich ihn, er zeigte mir das Haus und die Zimmer.
Am interessantesten ist das Wohnzimmer. Zur Hälfte ist es ein Museum.
An den Wänden zwei Schwerter, eines davon in Scheide mit Tragegurt, ein braunrotes Schild, groß wie ein Traktorrad, aus Holz mit einer Eisenkappe im Zentrum, ein Speer, eine Lanze und ein mannsgroßer Bogen. Auf der Kommode ein Kettenhemd, ein Wikingerhelm mit von der Stirn hängendem Nasenschutz und Kettenhandschuhe. Einen sollte ich anziehen, ich tat es: Damit hätte ich nicht mal meinem Feind mit der Faust drohen können, so schwer war der. Und in einem Glasschrank teilweise echte Ausgrabungsfunde, darunter als Prachtstück ein grün angelaufener Ring mit einem roten Stein. Als ich mich verabschieden wollte, zeigte er mir noch seinen Grillplatz. Die Feuerstelle hatte er aus Feldsteinen errichtet ganz wie die hüfthohe Mauer, die den Platz umschloss. Ich zeigte mein Erstaunen, ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer diese Dinger sind, und warnte ihn: er sei doch nicht mehr der jüngste. Darauf lachte er und suchte sich aus dem Steinhaufen den größten aus. Ich fürchtete, er würde sich verheben, aber er schleppte ihn tatsächlich zur Mauer und setzte ihn nieder als Eckstein. Triumphierend sah er mich an. Ich tat, als bewunderte ich ihn, innerlich schüttelte ich den Kopf,
Ich bekam den Hausschlüssel. Morgens und abends radle ich jetzt hin, um den Katern Dosenfutter und frisches Wasser zu geben.
Fand heute im Wohnzimmer hinter einem Fenstervorhang einen toten Vogel mit aufgerissener Brust.
Anita ist in ihrem Restaurant, Caroline arbeitet im Garten. Sie braucht mich nicht zu rufen. Ich sehe sie oben beim Tischdecken. Herrlich. Es gibt Kaffee und Gebäck. Und helles Lachen, dunkle Augen. ...


*



Jetzt wusste Jens, woher Miriam den Tick hatte. Und er war nicht überrascht, als sie wie schon am Morgen in ihrem Wikinger-Kostüm kam, um ihn abzuholen.
Weit zum See war es wirklich nicht, ein Fußweg von knapp zehn Minuten.
Er hatte geglaubt, sie würde ihm das Rudern überlassen, aber sie setzte sich sofort auf die Ruderbank und forderte ihn auf, das Boot ins Wasser zu schieben. Er tat es, obwohl er dabei nasse Füße bekam. Sie zog die Ruder, indem sie sich jedesmal nach hinten legte, die Beine ausgestreckt, die Füße gegen den Querbalken gestemmt. Da sie schweigsam war, sagte auch er nichts. Er tat zwar, als sehe er sich die Umgebung an, aber in Wirklichkeit schielte er zu ihr hinüber. Eine Wikingerin. Und studiert Germanistik.
Einmal hielt sie die Ruder in der Schwebe und ließ das Boot in den Wellen schaukeln. Der Himmel zog sich zu, schwacher Wind in den Bäumen am Ufer.
Und kein Boot, kein Mensch zu sehen. Aus Berlin kannte er das lebhafte Treiben auf und am Wasser, jeder Quadratmeter Strand und Wasserfläche wurde genutzt. Die Stille dieses Sees, seine nutzlose Schönheit kamen ihm gespenstisch vor.
Als Miriam ihn ansprach, war der Ton heftig. „Willst du nichts von deinem Vater wissen?“
Er zuckte zusammen. „Ich? Doch ... Natürlich.“
Sie begann wieder zu rudern, wobei sie dann und wann einen Blick über die Schultern warf. Und so sprach sie mehr zum Wasser als zu ihm.
„Er war mir unheimlich. Einmal habe ich ihn im Wald entdeckt. Er stand an einen Baum gelehnt und rührte sich nicht. Eine halbe Stunde lang. Ja, das war unheimlich. Ich weiß nicht, ob Caroline gewusst hat, was für ein Fremdling da in die Familie kommt. Manchmal verschwand er einfach. Konnte aufstehen und weggehen. Einfach so ..."
"Wohin ging er?"
"In sein Haus. Er hat ja seine Wohnung behalten. Ist das nicht verrückt? Sie waren doch verheiratet! Aber am seltsamsten war, was er mit Caroline machte. Sie duldete alles! Bis er kam, tat sie, was sie wollte! Und jetzt fragte sie ihn! Er hat sie sich unterworfen.“
Plötzlich ließ die Ruder im Wasser liegen, sah in das Wasser und sagte: „Hier ist die tiefste Stelle des Sees. Hier hat sich meine Mutter ertränkt.“
„Das tut mir leid,“ murmelte er.
Sie begann wieder kräftig zu rudern. „Und niemand hat Schuld. Das ist das Schlimme.“
Die Wolkendecke brach auf, die Sonne blitzte herab, der Reflex des Sees traf seine Augen, er drehte sich zur Seite.
„Was meinst du? Wollen wir schwimmen?“
Er dachte an die Ertrunkene und schüttelte den Kopf.
"Aber ich." In wenigen Sekunden war sie ausgezogen und sprang ins Wasser.
Er wusste nicht, wo er hinschauen sollte. Auf der einen Seite Sonnengleißen, auf der anderen ein schimmernder Körper im Wasser.
„Komm!“ schrie sie. „Es ist herrlich!“
Sie schwamm auf dem Rücken, schlug mit den Füßen wie ein Rad¬dampfer. Um beschäftigt zu sein, setzte er sich auf die Ruderbank und hielt das Boot mit Ruderschlägen auf der Stelle. Nach einer Weile kletterte sie ins Boot zurück, und dann geschah etwas Unglaubliches. Anstatt sich anzuziehen, legte sie sich nur den Gürtel mit dem Dolch um. Sie setzte sich auf die Heckbank.
„Siehst du die Insel? Ruder dort hin.“ Die Hand, die ihm die Richtung zeigte, machte einen Bogen und tauchte ins Wasser. Mit jedem Ruderschlag wurde sie im Wasser mitgezogen.
„Wie das Saugen von einem Kalb an den Fingern“, sagte sie.
Plötzlich wendete er das Boot und ruderte zurück. Während sie sich anzog, starrte er abwechselnd auf das linke und rechte Ruderblatt.
Dumpf stieß das Boot an. Sie ging an ihm vorbei zur Bootsspitze, wobei sich ihre Knie berührten. Mit der Kette sprang sie auf den Steg. „Geh nach hinten, damit ich das Boot an Land ziehen kann.“
Umständlich kletterte er zum Heck. Ihr kräftiger Zug hätte ihn beinahe ins Wasser geschleudert. Den Weg vom Bootsheck bis ans Ufer dehnte er in die Länge. Und so betrat er festen Boden erst, nachdem sie die Kette an einer Birke festgemacht hatte.
„Lass heute Abend das Küchenfenster offen“, sagte sie und ging davon.
Als gelte es, ein Beruhigungsmittel zu nehmen, griff er zum Tagebuch. Aber nach einiger Zeit bemerkte er, er las ja gar nicht. Er versuchte sich zu konzentrieren, bewegte sogar den Mund beim Lesen. Plötzlich stockte er. Da stand: "Und in der Nacht kam sie heimlich und ging heimlich."
Das war ja, als würde ihn sein Vater direkt ansprechen. Für einen Moment war er verblüfft. Er las den Satz noch mal und begriff, das betraf nicht ihn, das war Vergangenheit, die Vergangenheit seines Vaters. Aber jetzt war er interessiert und blätterte zurück. Und las Zeile für Zeile, Wort für Wort.


*



... Anita hatte mich zu einem Glas Cognac eingeladen, das macht sie ab und zu, denn beim Alten herrscht striktes Alkoholverbot. Gerade hatten wir es uns gemütlich gemacht, da ging die Tür auf, und Caroline trat ein, sie sah uns, drehte sich wortlos um und wollte wieder weggehen. Anita packte sie am Rock. Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein, sagte sie, es ist nichts zwischen uns.
Ich stellte mich dumm. Wieso sollte sie eifersüchtig sein? sagte ich.
Red keinen Unsinn, sagte Caroline zu Anita. Trinkt weiter, ich will euch nicht stören.
Anita: Warum bist du so heftig? Man sieht doch, zwischen euch läuft was!
Caroline antwortete, dann wieder Anita, der Wortwechsel wurde schneller und lauter. In ihrer Erregung müssen sie ins småländische Platt gefallen sein, ich verstand kein Wort, begriff aber, es ging um mich. Was sollte das? Ihr Streit wurde theatralisch und langsam ging mir ein Licht auf: es war eine Aufforderung an mich, einzugreifen. Bloß wie? Leicht angesäuselt, wie ich war, kam ich, wie ich glaubte, auf eine glänzende Idee. Mitspielen! Irgendwas Verrücktes, im schlimmsten Falle Albernes würde mir schon einfallen. Ich leerte mein Glas und stand auf. Und dann hatte ich Leere im Kopf. Blackout.
Etwas knallte gegen die Tür, wir wussten sofort, was das war. Das war der Stock des Alten. Anita sah mich an und machte ein Zeichen zur Küche. Aber ich stand wie angewurzelt.
Plötzlich war Caroline bei mir, schob mich in die Küche, drückte die Tür zu, und eine Sekunde später fühlte ich ihre Lippen auf meinen Mund.
Das war das Wahnsinnigste an diesem Abend und zugleich das Vernünftigste.
Etwas Weicheres als ihre Lippen habe ich noch nie gespürt. Wir küssten uns ungestüm wie zwei Teenager.
Währenddessen schimpfte drinnen der Alte, vor Zorn war seine Stimme ins Falsett umgeschlagen, Anita schimpfte zurück, und dann splitterte Glas.
Sofort ließ Caroline mich los, ich riss die Tür auf, stürzte hinein, wo der Alte halb taumelnd mit dem Stock um sich schlug, und mit einem Gefühl von Kraft und Selbstvertrauen, wie ich es noch nie gekannt habe, griff ich nach dem Stock, wobei ich ihn zuerst übers Gesicht bekam, was der Alte mit einem triumphierenden Geheul quittierte, aber dann hatte ich ihn und zerbrach ihn über dem Knie (ich war verblüfft, wie leicht das ging). Die Stücke schleuderte ich dramatisch zu Boden. Warum ich mir solch einen Auftritt gönnte, weiß ich nicht. Vielleicht war es genau das, was ich schon bei dem Streit der Schwestern hatte tun wollen.
In der Ecke saß Anita und schüttelte sich vor Lachen.
Der Alten plumpste aufs Sofa. Während Caroline ihm ein Glas Wasser einflößte, kehrte Anita die Scherben der Cognacflasche auf. Nachdem er sich beruhigt hatte, wollte er wissen, wieviel die Flasche gekostet habe.
"250 Kronen", sagte Anita.
Darüber freute er sich. Als er hörte, die Flasche sei schon halb leer gewesen, wurde er noch einmal zornig. Seine Stimme kippte plötzlich ins Weinerliche und er jammerte über seinen kaputten Stock. Ich musste ihm einen neuen versprechen.
Caroline und ich verabredeten uns zu einem Spaziergang.
Kaum war wir im Wald, griffen sich unsere Hände.
Ich blieb stehen. "Und was jetzt?" wollte ich fragen. Sie zerrte mein Hemd frei,legte die Hände auf meinen Rücken und drängte sich an mich. Ich tat das gleiche bei ihr und war überrascht, auf keinen BH zu stoßen. Mit einem Lachen bog sie sich zurück.
Sie knöpfte die Bluse auf. "Meine Brüste sind klein. Siehst du?" Sie ließ mir ein wenig Zeit, dann gingen wir weiter.
Und in der Nacht kam sie heimlich und ging heimlich.

Heute am Kaffeetisch, der Alte: "Haltet ihr mich für blöd? Schluss mit den Heimlichkeiten! Jetzt wird geheiratet!" Und noch bevor wir etwas sagen konnten, legte er sein Gebiss auf den Tisch und nuschelte. "Kommt erst wieder rein, wenn ihr 'ja' sagt."
Nachher meinte Caroline, das Ding käme später zu den Heiratsdokumenten.
Wir warten noch ein paar Wochen. Schließlich bin ich erst vier Monate hier. Es bleibt vorerst unter uns, dazu haben wir auch ihn verpflichtet. Aber ich denke, das hält nicht lange. Und manchmal habe ich das Gefühl, als sei es für ihn bloß ein Spaß ...


*



Jens radelte. Erst durch das Dorf, dann durch den Wald.
In Berlin joggte er, wenn er gestresst war. Mit dem Rad, das spürte er schon nach wenigen Minuten, kam die Erleichterung schneller.
Jeden Stoß, wenn das Rad über einen Stein oder eine Baumwurzel fuhr, genoss er. Und auf die Zweigschläge der Büsche auf Schulter und ins Gesicht antwortete er mit einem Juchzer.
Und dann kletterte er einen Hang hinauf, suchte sich eine freie Stelle, zog das Hemd aus und legte sich auf die warme Erde.
Er sah zum Himmel. Langsam trieben Wolken dahin. Er schloss die Augen. Dachte nicht mehr, fühlte nur noch. Wind strich über ihm hin. Und immer ein Seufzen um ihn herum. Manchmal ging der Seufzer in ein Stöhnen über. Klar, das war der Wind in den Bäumen, aber vielleicht war es auch der Atem der Erde. Konnte man doch denken. Und er lag auf ihrem Körper, er glaubte auch schon ein Pochen zu spüren, es war sein eigener Herzschlag. Plötzlich seufzte es laut, die Erde hob sich und ...
Er sprang auf. Das Hemd übergezogen, aufs Rad und weiter, in einen Laubwald mit hüfthohem Farn. Hinter einer Biegung stoppte er. An einer Stelle, so schien es, stand der Wald bis unter die Äste in Wasser. Eine goldgrüne Unterwasserwelt. Er warf das Rad hin und ging hinein. Im Halbschatten schwebten Splitter gebrochenen Lichts und das Laub der Büsche täuschte Wasserpflanzen vor.
Wieder aufs Rad und weiter.
Beim Verlassen des Waldes schlug ihm Hitze entgegen. Dann ging es steil bergauf, er stieg ab und schob das Rad. Von einer Wiese kam starker Heugeruch. Graue Grasschwaden schwelten in der Sonne. Er schnupperte. Da war noch etwas, ein bekannter Geruch. Er blieb stehen, witterte wie ein Hund. Erst ungläubig, dann gab er es zu, halb widerstrebend, halb zornig: seine Freundin, an ihren Tagen.
Er beeilte sich, auf den Berg zu kommen. Mit Tempo sauste er auf der anderen Seite hinunter, der Wind rauschte über sein Gesicht, die Schultern und die Hände. Auf dem Höhepunkt, das heißt am tiefsten Punkt der Straße, schlug es wie Wasser über ihm zusammen. Erfrischt radelte er weiter.
Und doch war auch das eine Täuschung gewesen.
Er kam heim, als es schon am Boden dunkelte, nur im Eichenlaub war noch Sonne. Von den Blättern reflektiert, fiel das Licht auf den Gartentisch, er konnte noch lesen.


*



... Ist der Himmel grau, schmutziggrau, so wie heute, dann liegt auf dem Grün der Laubbäume ein grauer Schleier. Nur an ei¬nem Baum, ziemlich an der Spitze, schimmert es gelb. Von dort breitet sich seit Tagen ein Fleck aus, der wie ein stilles, sanftes Feuer wirkt. Heute sehe ich gerne hin. Ein Zeichen des Herbstes, aber inmitten dieser stumpfen Melancholie auch eine Erinnerung an sonnige Tage. Und vielleicht eine Hoffnung. Der Fleck wird den ganzen Baum erobern und er wird brennen wie eine Fackel, wenn ihn die Sonne trifft. Auf diesen Zeitpunkt wächst das Feuer zu und der Baum lässt es zu. Keine Regung sehe ich an ihm. Er pennt. Oder er ist betäubt. Lustvoll steif von dem beginnenden Entzücken.


Gewöhnlich vergesse ich den Traum beim Aufwachen, aber den hier, den kann ich bis in die Einzelheiten aufschreiben:
Vor mir geht eine Frau, nicht jung, nicht alt, plötzlich dreht sie sich um und obwohl sie angekleidet ist, seh ich ihre großartigen Formen: Hüften und Brüste. Sie blickt mich an, wobei sie die Arme ausbreitet. Als ich nicht reagiere, dreht sie sich um und geht davon. Ich reagiere deswegen nicht, weil ich rechts von mir eine Gestalt sehe, sie sitzt mit angezogenen Knien, ich erkenne eine zierliche Frau. Ihr Gesicht drückt sie auf die Knie, ich zieh sie hoch, sie soll mit mir gehen, kaum haben wir zwei Schritte gemacht, sage ich, warte, ich kann dich tragen. Ich nehme sie auf den Arm und sehe, es ist ein Kind.


Am Vormittag beim Wikinger. Sein gutes Verhältnis zu Miriam ist mir bekannt, aber das hier geht zu weit. Sie schläft nicht mehr bei Anita, wenn sie hier zu Besuch ist, sie schläft bei ihm.
Ich habe das Gefühl, Anita leidet. Aber sie sagt nichts. Das ist auch schwierig. Miriam ist erwachsen. Was heißt erwachsen: Sie ist gerade achtzehn. Der Wikinger ist über fünfzig, also kaum jünger als ich.
Unter Freunden sollte man auch heikle Gespräche führen können. Also sagte ich es ihm. Ganz vorsichtig appellierte ich an sein Gewissen. Zuerst schien er nicht zu begreifen, dann schoss ihm das Blut ins Gesicht, er sprang auf und riss ein Schwert von der Wand. Das fand ich nun wirklich zu albern und wurde deutlicher: Es sei widerlich, jugendliches Vertrauen für sexuelle Bedürfnisse auszunützen.
Und da kam er tatsächlich mit dem Schwert auf mich zu. Ich sagte, er solle jetzt nicht den Wikinger spielen, das imponiere mir gar nicht, da hieb er zu, traf aber nur die Tischkante. Bevor er das Schwert herausziehen konnte, war ich weg.
Für ein paar Tage werden wir uns aus dem Weg gehen müssen. ...


*



Schon die Radfahrt war nicht ganz normal verlaufen, und jetzt das. Wieso musste er das gerade jetzt lesen? Spricht sein Vater zu ihm durch das Tagebuch? Mischt der sich etwa in seine Geschichte mit Miriam?
Jens ärgerte sich. Eigentlich mehr über sich. Er begann das Tagebuch ernst zu nehmen.
Im Eichengewölbe war es dunkel, die Zeilen auf dem Papier nicht mehr zu erkennen. Er ging ins Haus.
Nicht nur, um sich abzureagieren, räumte er sein Zimmer auf. Er wollte Miriam zeigen, dass er anders war als alle anderen.
Die Lichthärte in seinem Zimmer milderte er, indem er den Lampenschirm zur Wand bog. Die Äpfel im Silberteller polierte er auf Glanz. Und Musik! Hatte er nicht einen alten Recorder gesehen? Richtig, im Wohnzimmer auf der Kommode. In der obersten Schublade lagen die Kassetten. Von der Piaf über Judy Garland bis zu Elvis Presley. Und eine Menge von Dean Martin.
Als er den Recorder in sein Zimmer gebracht und angeschlossen hatte, drückte er auf Start, sofort erklang „Ring of fire“ von Johnny Cash mit und hätte er nicht schnell ausgeschaltet, dann wäre Johnny Cash ganz schön baff gewesen, wie da einer in seiner Nähe lauter als er singen konnte. Den Song hatte Jens in der Kindheit oft gehört hatte, spät abends, er kam aus dem Arbeitszimmer seines Vaters. Und dann schien es, als würde sogar der Straßenlärm leiser, denn alle lauschten dieser Stimme, die einen so männlich warm an die Brust zieht, die so aufregend väterlich ist, ja genauso: väterlich.
Also was sollte er einlegen? Dean Martin? Zu schmalzig. Elvis Presley? Warum nicht? Sorgt für weiche Stimmung. Aber bei einer mit einem Dolch am Gürtel?
Er senkte die Lautstärke. Leise Hintergrundmusik. So konnte sie Elvis überhören, wenn sie wollte.
Er duschte sich, er cremte sich sogar ein.
Um elf lag er im Bett, das Küchenfenster war halb geöffnet. Ein Buch aus der Bibliothek in der Hand, versuchte er zu lesen. Bei der Suche nach dem richtigen Buch war er ins Schwitzen geraten. Schließlich studierte Miriam Germanistik und er hatte von moderner Literatur keine Ahnung. Zum Glück fand er ein Buch mit Carolines handschriftlicher Widmung auf der ersten Seite, es war Bernhard Schlink, Der Vorleser. Was eine Lektorin seinem Vater geschenkt hatte, war garantiert auf dem Niveau einer Germanistikstudentin.
Aber zum Lesen kam er nicht, jedenfalls nicht so, um auch nur eine Zeile zu verstehen. Ständig gab es Geräusche am und im Haus, aber sie war es nicht. Er würde sie hören. Es gab keinen anderen Zugang zu ihm als über die knarrende Treppe.
Sie knarrte aber nicht. Nachdem Presley seine Songs ungefähr sechsmal wiederholt hatte, blickte Jens auf die Uhr, halb eins, darauf schickte er Presley in die Erholung und löschte das Licht.
Sie hatte ihn gefoppt. Und er ärgerte sich, auf sie hereingefallen zu sein, war aber zu müde, um sich lange zu ärgern. Er schlief ein.
Eine kühle Hand griff nach ihm, ein Flüstern an seinem Ohr: "Da wartet ja noch einer auf mich ..."
Kaum war sie unter seine Decke geschlüpft, sagte sie:
"Fass nicht meine Brüste an, hörst du? Alles andere ... aber nicht meine Brüste."
Sofort war er wach. Sind die etwa unecht?
Er berührte sie und bekam einen heftigen Biss in die Schulter. Von diesem Augenblick an ließ sie ihn nicht mehr los.
Als sie erschöpft auf seine Seite fiel, mumelte sie: "Ich habe dich gewarnt, ich habe dich gewarnt." Und rührte sich nicht mehr.
Wie viele Bisse waren das? Er saß aufrecht und prüfte im Fensterlicht seine Schultern.
Noch nie war er gebissen worden und hätte sie ihm das zuvor gesagt, hätte er sich das verbeten. Aber sie hatte es getan, und er hatte sich nicht mal gewehrt, im Gegenteil, er hatte ihren Kopf auf die andere Schulter gelenkt, damit sie dort weitermachen konnte. Himmel noch mal ... Was ging hier vor? Er sah auf die junge Frau neben sich. Die linke Hand hielt sie geballt an den leicht geöffneten Mund, mit der Fingerspitze berührte er ihre Unterlippe. Langsam schob er den Finger über die Lippe zu den Zähnen, sie brummte unwillig.
Er legte sich zurück. Sie ruckelte ihren Kopf in seine Achselhöhle, seufzte auf und dann begann ihr Atem ihn zu streicheln.
Als er erwachte, war es halb neun, und er war allein. Er machte sich frisch – entdeckte zwei Knutschflecken an den Schultern (Himmel noch mal, wie sollte er das in Berlin erklären?) – zog sich schnell an und eilte hinauf zu Caroline, in der Hoffnung, Miriam beim Frühstück zu treffen.
Auf der Terrasse war der Tisch schon gedeckt. Caroline warf ihm einen Blick zu und er wusste sofort, dass sie es wusste. Gerade hatte er sich hingesetzt, als auf der Straße ein Motorrad vorbeifuhr, vor Miriams Haus bremste, der Byker in schwarzem Leder und mit heruntergezogenem Visier blieb sitzen und hupte. Caroline warf nur einen kurzen Blick hin, er stand auf, um besser sehen zu können. Den Helm unter dem Arm und ebenfalls in schwarzem Leder kam Miriam, stieg auf den Sozius, stülpt den Helm über, und schon donnerten sie davon.
„Hast du das gesehen?“ fragte Jens. "Das war doch Miriam!"
„Ja, und der Wikinger. Sie fahren zu den Wikingerspielen.“
Als hätte er einen Schlag in die Magengrube bekommen, setzte er sich, nippte am Kaffee.
"Tack för frukost", sagte er und wollte gehen.
"Komm, setz dich wieder. Ich weiß was du denkst." Ihr Gesicht war ernst. "Ich muss dir was von Miriam erzählen ..."
Mechanisch schnitt er ein Brötchen auf.
„Sie war heute Nacht bei dir, nicht wahr? Das macht sie sonst nicht. Obwohl bei ihr vieles möglich ist ... Ja, ich hab sie gesehen, wie sie heute früh aus dem Haus kam. Ich rief sie an. Ich fühle mich für sie verantwortlich, auch wenn sie das nicht gerne sieht. Ihre Mutter ist tot, das weißt du sicher schon. Aber nicht, dass sie sich das Leben genommen hat, da war Miriam gerade 19."
Er legte das Brötchen auf den Teller.
"Das passierte, nachdem dein Vater und ich geheiratet hatten, ungefähr drei Wochen danach. Sie war davongefahren, ohne uns Bescheid zu geben, aber das war nicht ungewöhnlich, das tat sie öfter. Zwei Tage später kam ein Anruf, ihr Wagen stünde am Nordufer des Sees, darin ihre Kleider, ordentlich zusammengelegt, ihre Armbanduhr, ihre Halskette und ihr Armreif. Alles sah nach einem Badeunfall aus.“ Sie nickte zweimal. Als sie weitersprach, war ihre Stimme belegt. "Aber es war keiner Und dann passierte noch etwas."
Sie begann etwas schneller zu sprechen, als wollte sie es rasch hinter sich bringen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte keiner gewusst, wer Miriams Vater war. Anita sagte, er habe überhaupt keine Rolle in ihrem Leben gespielt und sei längst tot. Ihrer Tochter sagte sie etwas mehr. Der Mann hatte von ihr die Abtreibung verlangt, darum habe sie seinen Namen in der Geburtsurkunde nicht eintragen lassen.
Etwa sechs Wochen nach dem Freitod ihrer Mutter besuchte Miriam den Wikinger, betrunken lag er im Bett. Er sagte, er sei ihr Vater. Sie glaubte ihm nicht.
Darauf zeigte er ihr einen zerknitterten Brief von ihrer Mutter. Darin dankte sie ihm für seine Verschwiegenheit, entbinde ihn aber jetzt von der Schweigepflicht.
Nachdem Miriam den Brief gelesen hatte, nahm sie den Speer von der Wand und zerschlug alle Fensterscheiben des Hauses, von Parterre bis in den Oberstock. Ihr Vater hatte wenigstens noch so viel Verstand, Caroline anzurufen, sie brachte Miriam sofort in die Klinik. Als sie nach einer Woche ihre Nichte abholen wollte, bat diese sie, ihr Vater solle es tun.
"Er tat es, und als ich das nächste Mal Miriam traf, sagte sie mir, sie wisse jetzt, warum sich ihre Mutter umgebracht hatte. Dein Vater sei schuld. Sie sei in ihn verliebt gewesen. Natürlich ist das Unsinn, völliger Unsinn.. Wir ließen sie anfangs in den Glauben, dein Vater wollte es so. Er meinte, sie brauche einen Schuldigen. In Wirklichkeit war es ganz anders. Obwohl es dafür keinen direkten Beweis gibt. Sie hatte Brustkrebs, sie glaubte es wenigstens. Man würde ihr die Brüste abnehmen müssen. Das sagte sie mir eine Woche vor ihrem Freitod. Als ich erschrak, lachte sie. Es sei gar nicht schlimm, sie könne damit leben. Das sollte mich wohl beruhigen, und das tat es ja auch. Später suchten wir nach Belegen, fanden aber keine. Ich denke mir, sie hat sich das eingebildet. Sie war immer stolz auf ihre Brüste. Und dann fühlte sie einen Knoten, bekam Angst, Panik ... Ich wünschte, ich hätte mich mehr um sie gekümmert, aber ich war mit den Vorbereitungen für die Hochzeit beschäftigt.“ Sie schloss die Augen und lehnte sich zurück. Nach einer Pause fuhr sie fort. "Aber als ich merkte, wie Miriam deinen Vater zu verabscheuen begann, sagte ich ihr, was ich wusste. Ich weiß nicht, ob sie mir sofort glaubte. Aber mit der Zeit änderte sich ihr Verhalten. Sie ging deinem Vater zwar aus dem Weg, aber von Hass oder ähnlichem konnte keine Rede mehr sein.“
Als Jens die Vermutung aussprach, Anitas Gedenkstein am Apfelbaum gäbe es wohl, weil ihre Leiche nicht gefunden wurde, widersprach sie. Man habe sie gefunden und die Urne mit ihrer Asche befinde sich dort wie die ihres und seines Vaters. Das konnte er nicht glauben
"Aber sicher. Die Urnen auf dem Friedhof sind leer." Sie stand auf, strich sich das Kleid glatt. "Ich sehe, du bist noch nicht an der Stelle, wo mein Vater begraben wird. Na, dann lies weiter! Und das Wichtigste weißt du ja auch noch nicht!“
Das Wichtigste! Das wird was Schönes sein, dacht er. Griff sich das Rad und fuhr los.
Die Fahrt ging über Asphalt. Entgegenkommende Autofahrer grüßten ihn mit Handheben, bald hob er die Hand als erster und freute sich, wenn die Autofahrer mit derselben Geste antworteten.
Nach der Radtour war er gut aufgelegt und dachte zum erstenmal mit Vergnügen ans Tagebuch. Um sich die Lektüre noch angenehmer zu machen, suchte er seinen Lieblingsplatz auf: unter der Eiche.


*



... Nachricht vom Krankenhaus: Oscar ist tot.

Heute Beerdigung. Die Zeremonie in der Kirche war kurz. Das Kirchengestühl war in Grau gehalten, auch die Wände, hier und dort dezente goldene Umrandungen. Hell lackierter Bretterboden , fast schon orangefarben,
An der Brüstung der Kanzel ein Totenschädel, statt auf einem Hals sitzt er auf zwei quer gelegten Knochen. Seine Brust ist eine blaue Kugel und unter ihr, wie eine Trommel, eine Batterie von vier Sanduhren, in dreien ist der Sand zur Hälfte abgeflossen, nur die äußerste rechte ist noch gefüllt. Die Symbolik verstehe ich nicht.
Dann auf dem Friedhof die Urnenbestattung. Caroline zitterte leicht, aber nur wegen des Windes. Anita sah aus wie eine Bäuerin, hatte ihr blondes Haar unter einem Tuch versteckt. Neben ihr Miriam in einem kurzen schwarzen Kleid, zeigte ihre langen Beine. Hinter ihr der Journalist in einem Sommeranzug mit schwarzer Fliege. Neben Miriam ...


*



Ein Schatten fiel auf das Blatt in seiner Hand. Jens blickte auf.
Vor ihm stand ein alter, beleibter Mann mit rosigem Gesicht. Gegen sein Alter sprachen die strahlenden blauen Augen und der Oberlippenbart, auch wenn dieser wie sein Kopfhaar grau und dünn war.
Mit beiden Händen hielt er Jens ein aus Holz gefertigtes Hausmodell hin und sagte etwas.
Zwar verstand Jens kein Wort, nahm ihm aber das Modell mit einem "Tack, tack" ab. Es war das Haus seines Vaters, im gleichen Zimtrot mit weißen Fenstern und Zierbrettern, die Haustür in Himmelblau, sogar die Steintreppe war da mit dem schwarzen Eisengeländer. Er versuchte zu erklären, dass er das Modell bezahlen wolle.
Darauf lachte der Alte und mit einer Bewegung, die wie der Beginn eines Tanzes aussah, drehte er sich zum Haus, zeigte dorthin und hierhin, wobei er vor Begeisterung von einem Fuß auf den anderen trat.
In diesem Augenblick bog Caroline um den Schuppen. "Das ist Henrik“, sagte sie, nachdem sie den Alten angehört hatte. "Er hat die Fassade gestrichen. Das wollte er dir sagen. Ja, und der Schuppen bräuchte dringend eine Renovierung. Und das Modell hat sein Sohn gebaut, im Auftrag deines Vaters. Übrigens drückt er dir sein Beileid aus."
Jens nickte Henrik zu, der mit einem Augenzwinkern antwortete.
"Kannst du ihn fragen, was es kostet?"
"Nichts. Sie wollen nichts haben. Und das verwundert mich, sonst sind die beiden immer auf Geschäfte aus. Aber er meint, es sei von deinem Vater als ein Geschenk für seine Söhne gedacht gewesen, und darum schenken sie es dir."
Sie war gekommen, um Jens zum Abendbrot hinauf zu bitten, Henrik lud sie gleich mit ein, der war hoch erfreut, vor allem, als er hörte, er bekäme ein deutsches Bier. Das Abendbrot bestand aus Sauermilch mit Zucker und Zimt, nicht unbedingt Jens Geschmack. Auf das Bier verzichtete er, das passte nun wirklich nicht dazu. Dem Alten aber schmeckte es und Caroline meinte, er würde auch zu Kuchen Bier trinken. Zwischen ihr und Henrik entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch, ab und zu übersetzte sie Jens einen Teil daraus. Hauptsächlich drehte es sich um das Begräbnis des reichsten Mannes im Dorfe, der vorgestern mit 93 Jahren gestorben sei. Als beide einmal hellauf lachten, fragte Jens nach dem Grund.
Es war eine Anekdote aus dem Leben des Mannes. In jungen Jahren hatte er einmal einen 5-Kronenschein in der Mitte durchgeschnitten, die Hälften einzeln zusammengerollt und diese beim Kaufmann als zwei 5-Kronenscheine abgegeben. Das ging natürlich nicht gut, und danach schrien ihm die Kinder hinterher: Halv fem! Halv fem! Den Spitznamen behielt er lebenslang, nur wagte ihn keiner so in seiner Gegenwart. Und im Laufe der Jahre wurde war aus dem geizigen Kleinbauern ein Großgrundbesitzer, von dem jetzt eine prachtvolle Beerdigung erwartet wurde.
Als der Alte ging, verabschiedete er sich von Jens mit einem Händedruck und einer Verbeugung. Bald darauf ging auch Jens. Es war nach acht, aber noch immer schien die Sonne.
Er hatte Caroline gesagt, er würde heute Abend das Tagebuch zu Ende lesen.
Unlustig nahm er die Blätter in die Hand. Schon seit dem Vormittag beschäftigte ihn eine Frage, zeitweise verdrängt, jetzt war sie wieder da.
Was sie wohl bei den Wikingerspielen macht?
Wer? Ja wer denn ... Miriam natürlich.
Als Antwort konnte man sich vieles vorstellen. Man konnte das sogar sehen, man brauchte die Augen nur zu schließen. Und vor allem: was machen Wikinger und Wikingerinnen in der Nacht?
Er legte die Blätter beiseite und machte das Fernsehen an. Zu seiner Freude brachten sie einen amerikanischen Film mit schwedischen Untertiteln, "Casino" mit De Niro, den er sehr mochte, er verstand genug Englisch, um der Handlung zu folgen, daher sah er sich den Film an bis zum Schluss, da war es schon fast Mitternacht.
Vom Film mehr angeregt als ermüdet, griff er zu den Tagebuchblättern und setzte sich aufs Sofa. Bei einem Begräbnis war er unterbrochen worden. Passt zu den vielen Toten im Film.


*



... Neben Miriam eine zierliche Frau, eleganter Mantel, darunter ein schwarzes Seidenkleid, dunkler breitkrempiger Hut mit Schleier, eine, wie man so sagt, auffallende Erscheinung. Carolines Mutter. Die Tochter reserviert und kühl, ihre Mutter vollkommen locker. Ist schon über 70, kam aus Stockholm im Auto, einem silbergrauen Volvo. Ich weiß nicht, ob das die griechische Art ist, aber bei der Begrüßung umarmte sie mich und drückte ihre Lippen passgenau auf meine.

Von der Rede des Pastors am Grab bekam ich wegen des Windes nicht viel mit. Ein großer Naturliebhaber sei Oscar gewesen. Bereits viele Länder. Neugierig auf Menschen. Feind jeder Ungerechtigkeit. Was er tat, tat er aus Freude am Leben. Nachher, im klei¬nen Kreise, erzählte mir der Wikinger folgendes: Als Oscars Vater starb, war Oscar verreist, kein Mensch wusste, wo er war, nur dass er sich in Schweden aufhielt. Caroline musste ihn durch den Rundfunk rufen lassen. Er kam eine Woche nach der Beerdigung seines Vaters zurück. Mit einem jungen Hahn im Korb.
Und dann gab es für mich eine Überraschung. (Man könnte glauben, Oscar habe sich das ausgedacht). Schon auf der Fahrt zum Friedhof war mir Carolines schwere Ledertasche aufgefallen. Ich bot ihr an, sie zu tragen, aber das wollte sie nicht. Auch auf der Rückfahrt gab sie die Tasche nicht her.
Kaum waren wir im Haus, lacht sie auf. Ich denke, jetzt hat sie ihren Zusammenbruch. Aber auch Anita lacht, sogar Miriam. Und keiner will mir sagen, warum. Ich soll warten, bis Carolines Mutter abgereist ist.
Dann erfuhr ich es. Caroline hatte zwei gleichartige Urnen gekauft.
Vor der Beerdigung haben sie heimlich die Urnen ausgetauscht. Die leere ist auf dem Friedhof. Die mit seiner Asche vergraben wir morgen unter dem Apfelbaum, den er vor 40 Jahren gepflanzt hat. Anita hat einen Feldstein ausgesucht, der Wikinger wird "O.H." einmeißeln.
Ein Gedanke verfolgt mich seit der Beerdigung: Warum hat Oscar den Mund gehalten? Warum schwieg er? Er hätte uns doch sagen müssen, dass wir nicht heiraten können. Genug Zeit dazu hatte er. Jeden Tag wartete ich darauf. War es ihm einfach egal? ...


*



Hastig blätterte Jens zurück. Das hat man davon, wenn man Seiten überschlägt. Das Wichtigste. Aber wo war es? Vielleicht hier. Die Krankengeschichte des Alten. Er hatte sie nicht lesen wollen.


*



... Oscar ist im Krankenhaus. Die Geschichte ist von einiger Komik.
Ich hackte Holz vor dem Schuppen, da sah ich Anitas Auto vorbeifahren, in ziemlichem Tempo, sie trug einen weißen BH, kein Bikinioberteil. Aber es war ein sehr heißer Tag, und es gehört zu Anitas katzenartigem Behagen, dass sie ihrem Körper möglichst viel Freiheit lässt. Einmal habe ich sie sogar nackt gesehen, als sie sich auf ihrer Wiese sonnte.
Etwa eine viertel Stunde später – ich stapelte die Holzscheite im Schuppen – hörte ich oben den Alten schreien, dann plötzlich Stille. Die Stille war sonderbar, gewöhnlich schimpft Oscar so lange, bis er heiser ist. Vielleicht hatte er sich diesmal schneller beruhigt. Aber als wenig später ein Rettungswagen mit Blaulicht auf das Grundstück einbog, ließ ich alles liegen und nichts wie hoch. Ich kam dazu, wie sie den bewusstlosen Oscar in den Wagen schoben, Caroline stieg ein, kein Auge für mich, Anita, noch immer halb bekleidet, stand dabei, das Gesicht gerötet und zornig. Nachdem wir dem Wagen bis zum Verschwinden nachgesehen hatten – bis dahin hatten wir noch kein Wort gewechselt – setzte sie sich auf die Treppe, und dann erzählte sie.
Sie schälte gerade Kartoffeln, wegen der Hitze hatte sie die Bluse ausgezogen, auch ihr Freund war bis zum Gürtel nackt. Er lag ihr gegenüber ausgestreckt auf der Küchenbank und rauchte eine Zigarette, da stürmte Oscar herein. Sofort tobte er los, er würde das nicht länger mit ansehen, er würde jetzt das Gewehr holen und sie erschießen. Sie wollte sich schon lustig über ihn machen, als sie durch die offen gelassene Tür sah, wie ihr Vater sich beeilte. Er, der sonst ein Bein nachzog, schien plötzlich perfekt gehen zu können. Er rannte. Und weil ihr Freund schrie „Das Gewehr! Das Gewehr!“, sprang sie, um den Weg abzukürzen, durchs Küchenfenster. Sie holte das Gewehr, stieß mit ihrem Vater auf der Treppe zusammen, fuhr zum See und versenkte es.
Als sie das ihrem Vater sagte, bekam der einen Wutanfall wie noch nie, er warf sich zu Boden und schlug um sich. Auf einmal stopfte er sich Erde in den Mund und guckte sie böse an. Dann wurde er bewusstlos.
Nach ihrer Meinung alles Theater, und Caroline sei, wie immer, darauf hereingefallen.
Und dann brach es aus ihr heraus: „So tyrannisiert er uns! Seit der Kindheit! Aber das war heut der Gipfel ... Ich zieh weg, ich zieh in die Stadt ... Da hab ich schließlich auch mein Restaurant. Ich begreif sowieso nicht, wieso ich hier noch wohne."
Am Nachmittag erhielt ich einen Anruf von Caroline, Vater hätte einen Gehirnschlag gehabt. Man wüsste noch nicht, wie schlimm es sei. Sie würde bleiben, bis er aus der Bewusstlosigkeit erwacht.
Am Morgen kam sie mit einem Taxi zurück. Er hatte die Augen aufgeschlagen und sie erkannt. Das war ein gutes Zeichen..
Anita beharrt darauf, alles sei reines Theater. Caroline solle endlich einsehen, dass er so immer seinen Willen durchsetze und er sie so zum Sklaven mache. „Ja, Sklave! Und jetzt freut er sich auf die junge Krankenschwester, die ihm das Kissen aufschüttelt. Ich hoffe, sie hat drei Knöpfe der Bluse offen!"
Aber Caroline sagt, es sei wirklich ernst.
Übrigens war der junge Bursche nicht mehr da, als Anita zurückkam. ...


*



Jens blickte auf die Armbanduhr. Ein Uhr. Eine Antwort auf die Frage, warum die Heirat nicht hätte stattfinden dürfen, hatte er noch immer nicht bekommen. Also weiter zurückgeblättert.
Und dann traf es ihn gänzlich unvorbereitet.


*



... Das schreibe ich jetzt und staune selbst über das, was ich schreibe, es ist aber die einfache Wahrheit: Carolines Vater ist auch mein Vater. Mein biologischer Vater. Das ist Fakt. Er selbst lieferte mir den Beweis. ...


*



Jens las das und dann noch einmal und dann wieder und dann noch einmal und dann nickte er - er merkte gar nicht, dass er zweimal nickte.
Das war also die Stelle, die Caroline gemeint hatte. Der Wahn eines Mannes, der sein Vater ist, und der glaubt, in Schweden seinen wahren Vater gefunden zu haben.