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Der Einbruch
oder: Nachts ist es dunkler als draußen
- Eine Frank W. Story -
„Nach diesem Einbruchsversuch gibt es zwei Möglichkeiten: Wir nehmen an, dass das Zufall war und nichts mit uns direkt zu tun hat“, fasst Frank W. zusammen. „Oder wir sind der Ansicht, dass jemand ein Interesse daran hat, unseren Start zu verhindern.“ Sie sitzen zu dritt im Besprechungszimmer, jeder eine dampfende Kaffeetasse vor sich.
Günther Schmid starrt auf die Tasse vor sich und zieht seine Stirne kraus. „Woher können unsere Wettbewerber denn wissen, was wir tun!“ meint er kopfschüttelnd. „Das ist doch sehr unwahrscheinlich! Wir sollten das nicht überbewerten.“
„Das sehe ich nicht ganz so“, wirft Linda Gabriel ein. „Wir haben viele Angebote gemacht und den Platzhirschen den einen oder anderen ordentlichen Auftrag weggeschnappt. Damit nimmt man uns in der Branche wahr. Es hat sich herumgesprochen, dass zwei alte Fahrensmänner sich mit dem wichtigsten ausländischen Anbieter zusammengetan haben. Der Wettbewerb weiß also Bescheid, wenn er seine Hausaufgaben gemacht hat.“
Frank W. nickt zustimmend. „Ich sehe das ähnlich. Und ich habe, als nach dem Service und den Ersatzteilen gefragt wurde, eine Lösung angedeutet. Der Markt weiß demnach, was wir vorhaben. Er konnte nur nicht wissen, wie weit wir sind und wo wir unsere Aktivitäten starten.“
„Nun ist es kein Hexenwerk, eine Detektei zu beauftragen und uns zu beobachten, denke ich“, stellt Günther Schmid ebenso nüchtern fest. „Der Verdacht könnte also stimmig sein. Ich schlage vor, wir halten Wache.“
„Das halten wir zu dritt aber nicht lange durch. Wir sollten uns Angebote von Sicherheitsdiensten einholen“, schlägt Linda Gabriel vor. Sie steht energisch auf, geht in ihr Zimmer und setzt diese Idee gleich in die Tat um.
„Wir zwei wechseln uns solange ab mit der Nachtwache“, schlägt Günther Schmid seinem Freund vor. „Ich bringe mein Feldbett mit. Zum Glück haben wir ja eine Dusche eingebaut für den Fall der Fälle. Morgen bist Du dran.“ Er steht auf und geht in sein Reich, das Lager.
Frank W. lächelt in sich hinein. Wir sind jetzt schon ein Team. Etwas Besseres konnte uns eigentlich gar nicht passieren. Wenn etwas zusammenschweißt, sind es äußere Bedrohungen. Der Schuss geht also nach hinten los, so oder so. Irgendwie kann ich denen nur dankbar sein, so komisch das auch klingen mag. Er erhebt sich ebenfalls und macht sich an die Arbeit.
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Der Tag vergeht wie im Flug. Abends kommt Günther Schmid zu Frank W. ins Zimmer und sagt: „ Du, ich geh dann mal und hol das Zeug. Denk dran, morgen früh einen Schlafanzug und Dir Bettzeug mitzubringen. Morgenabend bist Du dran.“ Er grinst und winkt. Frank W. ist gerade mitten in einer Ausarbeitung und schaut nur kurz auf. Zum Abschied hebt er die Hand.
Gegen 19 Uhr streckt Linda Gabriel ihren Kopf herein und verabschiedet sich. Frank W. schaut ihr wohlwollend nach. Als sich die Tür hinter ihr schließt, nimmt er seine Arbeit wieder auf.
Um 20 Uhr hört er ein Schlüsselrasseln an der Tür und Günther Schmids „Ich bin’s!“ Beruhigt geht sein Blick wieder zum Bildschirm, wo sich das letzte halbfertige Angebot befindet. Danach will er Schluss machen. Die letzten Tage haben doch an den Kräften gezehrt.
Er schließt seine Kalkulationen ab, versendet das Email an den Kunden und fährt den Computer runter. Beim Aufstehen streckt er sich und gähnt. Er schnappt sich Tasche, BlackBerry, Jacke sowie Schlüssel und geht hinüber zum Lager. In der Auftragsdisposition hat sich sein Freund und Partner Günther Schmid häuslich eingerichtet. Er sitzt an seinem Schreibtisch und schaut fern.
„Du, ich mach mich dann mal vom Acker“, sagt Frank W. und grinst schief. „Keine Angst, ich passe auf. Wir sehen uns morgen“, antwortet der Freund. Mit einem „Schlaf gut!“ geht Frank W. zur Eingangstür. Draußen schließt er ab und atmet tief durch.
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Am nächsten Morgen ist alles wie üblich. Nur Günther Schmid ist schon und sieht etwas zerknittert aus. So geht das die nächsten Tage. Die Verhandlungen mit den Sicherheitsdiensten ziehen sich hin. Das Wochenende kommt näher, und eine Lösung ist nicht in Sicht. Fast will man schon die Ängste vergessen, als Frank W. bemerkt, dass er beschattet wird. Seit Tagen ist immer ein blauer Renault Laguna in seiner Nähe, wenn er zur Firma und wieder zurückfährt. Als er seinen Freund Günther Schmid darauf anspricht, stellt dieser bei sich das Gleiche fest, nur dass es bei ihm ein grüner Golf ist.
„Wir brauchen einen Wochenenddienst“, stellt Frank W. fest. Sie sitzen wieder zu dritt vor ihren großen Kaffeetassen in der Pause. Im Raum herrscht einen Moment Stille. Das Rühren von Kaffeelöffeln ist zu hören. Einer der drei hat Zucker genommen. Auch das ist etwas Besonderes. „Nun denn“, sagt Günther Schmid mit einem Seufzen, „wir haben ja sonst nichts vor!“ Der Sarkasmus in seiner Stimme lässt die Kollegen in ein lautes Gelächter ausbrechen. In der Tat hatten sie etwas Anderes vor!
„Gut, dass uns der Humor noch nicht vergangen ist“, meint Frank W., als wieder nachdenkliche Stille im Besprechungszimmer eingekehrt ist. „Ich übernehme den Samstagmorgen!“ meldet sich Linda Gabriel zu Wort. „Mich muss nur jemand ab 11 kurz vertreten, damit ich zum Einkaufen komme.“
„OK, ich löse Dich ab“, antwortet Frank W. dann. „Ich bringe Hänschen mit, der will sowieso mal wieder richtig im Internet surfen. Außerdem kann ich mit ihm mal wieder sprechen und ein bisschen an seinem Matheproblem feilen. Die letzten Klassenarbeiten waren nicht so der wahre Jakob!“
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Am Samstagmorgen kommt Frank W. mit seinem Sohn Hänschen schon etwas früher. Hans und Linda verstehen sich prächtig. Unter großem Hallo hakt sich der Junge bei Linda Gabriel unter und lässt sich das neue Büro zeigen. Gelächter und helle Stimmen erfüllen die Räume. Es ist schön, liebe Menschen um sich zu haben, denkt Frank W. bei sich und macht sich daran, die Checkliste für die nächsten 14 Tage zu erstellen sowie den Schreibtisch aufzuräumen und zu ordnen.
Als die beiden Hand in Hand in sein Zimmer schauen, sehen sie ihn konzentriert über ein Blatt Papier gebeugt Notizen machen. Leise gehen sie weiter in Richtung Küche, um dem Vater seinen Milchkaffee zu machen. Einige Minuten später kommt Hänschen mit der großen Tasse. Der Vater schaut lächelnd auf und streicht dem Sohn über den Kopf.
Wortlos geht dieser wieder hinaus, und man hört vorne einen PC hochfahren und sich mit einem leisen Piep startklar melden. Linda Gabriel geht in ihr Zimmer und macht sich bereit, um zu ihren Einkäufen und ins Wochenende aufzubrechen. Hänschen und sie verabschieden sich mit einer langen Umarmung. Hier scheinen sich zwei gefunden zu haben.
Danach geht sie hinüber zu Frank W. und winkt mit leise klirrenden Schlüsseln zum Abschied. „Bis Montag“, sagt sie freundlich dazu. „Bis Montag“, kommt die Antwort. „Schöner Sonntag, machen Sie’s gut.“
Vater und Sohn machen die Mathehausaufgaben und schauen sich noch ein paar Lektionen im Physikbuch an. Wie im Flug vergeht der Tag.
Als es dunkel wird, holt die Mutter den Sohn ab. Frank W. bleibt allein zurück. Er geht hinüber zur Schlafgelegenheit. Zum Entspannen hat er sich ein paar Bücher mitgebracht, nebenbei ertönt leise Rockmusik. Da die Woche sehr viel Arbeit und lange Abende gehabt hatte, legt er sich bald hin, löscht das Licht und schläft rasch ein.
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Irgendwann schreckt er wegen eines kratzenden Geräusches hoch. Als er auf die Uhr seines BlackBerrys schaut, ist es 4:37 morgens. Draußen hört er gedämpfte Stimmen und leise Schritte, die sich entfernen und nach einer Weile zurückkehren. Er nimmt das Smartphone und geht an das Fenster, das auf den Hof hinausreicht.
Was er dort im Halbdunkel des beginnenden Morgengrauens sieht, lässt ihm einen Schauer den Rücken hinunterlaufen. Vermummte Gestalten, er zählt ein halbes Dutzend, stehen um zwei Lieferwagen. Die meinen es ernst, denkt er, und sieht einen der Männer, offensichtlich den Anführer der dunkel gekleideten Rotte, mit seinem rechten Arm auf das Tor weisen. Drei der Männer machen sich mit Geräten auf den Weg.
Er nimmt das Telefon und wählt zuerst die Nummern von Edith, seiner geschiedenen Frau, und von Linda Gabriel. Mit unterdrückter Stimme spricht er Warnungen auf die Mailboxen. Danach ruft er Polizei und Feuerwehr. Er hat gesehen, dass bei den Geräten Kanister dabei waren. Währenddessen machen sich die anderen drei Männer mit Einbruchzangen und weiteren Kanistern auf, um um die Halle herum zum Vordereingang des Gebäudes zu gelangen.
Am Werkstor hört er Bohrgeräusche. Er ruft noch schnell Günther Schmid an, den er ebenfalls nicht erreicht. Eine SMS Nachricht wird ihn aktivieren, wenn er aufwacht.
Mit einem hellen Quietschen geht das Tor auf. Frank W. sieht sich nach einem Gegenstand um, den er als Waffe benutzen kann. Er greift sich einen Hammer, der auf der Ablage liegt, und duckt sich unter die Brüstung des Fensters, das vom Technikerraum in die Lager- und Maschinenhalle blickt. Er sieht die Männer aus dem Schatten des Werktors treten. Ihr Truppführer gibt leise Anweisungen, und die Gruppe teilt sich auf.
Langsam schleicht sich Frank W. aus dem Technikerzimmer in die Halle, mit dem Ziel, die Bande an ihrer Absicht zu hindern, die Lagerhalle anzuzünden. Wenigstens will er versuchen, die Männer solange aufzuhalten, bis die Hilfe kommt. Polizei und Feuerwehr hatten binnen Minuten eintreffen wollen.
Auf seiner Stirn bildet sich ein Schweißfilm. Wie eine Katze gleitet er hinüber zum ersten Eindringling, den Vorteil der Ortskenntnis und des Halbdunkels ausnützend. Ihn durchströmt eine unbekannte Kraft und geradezu unheimliche Sicherheit. Der Ablauf der Ereignisse beginnt sich auf einmal zu verlangsamen, wie wenn im Film die Slowmotion eingeschaltet wird, und in seinem Sichtfeld entwickelt sich quasi aus dem Nichts eine Strategie, wie die drei Männer nacheinander auszuschalten seien.
Seine Handlungen werden sicher, seine Raumsicht übernatürlich klar. Wie ein geschulter Kämpfer huscht Frank W. dem Eindringling entgegen, mit dem festen Willen und der zweifelsfreien Sicherheit, ihn mühelos auszuschalten.
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Was in den nächsten 10 Minuten geschieht, an das wird sich Frank W. nur noch schemenhaft erinnern. Als er wieder in der Wirklichkeit ankommt, sitzt er, aus einigen Platz- und Schnittwunden blutend, aber im Wesentlichen unverletzt, aber ziemlich atemlos bei einem Rettungssanitäter auf der Trage. Günther Schmid beugt sich über ihn und legt ihm seine rechte Hand auf die Schulter. „Sag mal, was ist denn hier passiert? Wie geht es Dir?“
Frank W. spürt, dass die Knöchel seiner Hände schmerzen. „Es kamen drei Männer von hinten in die Halle, nachdem sie das Tor aufgebrochen hatten, die anderen drei hatten sich zuvor schon von ihnen getrennt und waren nach vorne zum Büroeingang marschiert.
Sie haben sich also aufgeteilt, um die Halle zu präparieren. Ich habe mir einen herumliegenden Hammer gegriffen und bin in Halle geschlichen. Was danach geschah, ist irgendwie verloren gegangen. Als Letztes weiß ich, dass ich einen der Burschen ausschalten wollte. Ich habe noch den kalten Schweiß gefühlt und den Lufthauch darüber. Dann sah ich plötzlich vor meinen Augen glasklar, wie ich die Drei würde überwältigen können. Es war fast unwirklich. Irgendwie schien ich ein anderer geworden zu sein in dieser Drucksituation. Dann: Klick, zack, zisch, Filmriss. Und jetzt sitze ich hier, und es tut mir an Stellen weh, an denen es mir noch nie wehgetan hat. Ich weiß nicht mal, wie ich auf diese Liege hier gekommen bin!“
Der Freund schaut ihn verwundert an. „Die drei Burschen waren ziemlich harte Brocken. Allerdings sind sie allesamt reif für eine Krankenhausbehandlung. Kannst Du mir sagen, wer das gemacht hat?“ Frank W. schüttelt den Kopf. „Aber Du musst das doch wissen, keiner außer Dir war schließlich da. Du hattest doch keine Hilfe, nicht wahr. Die Polizei hat mich gefragt, wer Du bist, ob Du Nahkampferfahrung hättest. Die sind total von den Socken vor Bewunderung.“
Frank W. nimmt seinen Kopf in beide Hände und grummelt in seinen Bart: „Das ist jetzt das zweite Mal! Ich glaube, ich fange an zu spinnen.“
„Was hast Du gesagt?“ fragt Günther Schmid. „Nichts, nichts“, murmelt Frank W.
Der Einsatzleiter kommt langsam auf die beiden Männer zu. „Herr W., können Sie mich hören? Sie waren vorher nicht ansprechbar.“ Der Angesprochene nickt. „Können Sie mir sagen, was passiert ist?“
Frank W. wiederholt langsam und stockend den Bericht, den er gerade Günther Schmid gemacht hatte. Er beschreibt minutiös, was nach seinem Erwachen geschah. Und dass er erst wieder zu sich gekommen ist, als ihn Günther Schmid auf der Liege angesprochen hat. „Leider kann ich nicht sagen, was passiert ist in der Zeit, als ich die Halle geschlichen bin, bis zum dem Augenblick, als ich wieder zu mir kam.“ Der Polizist will das erst nicht glauben.
Glücklicherweise eilt ihm der in der Nähe stehende Notarzt zu Hilfe und sagt: „Herr W. steht unter Schock. Da kann so etwas schon einmal vorkommen. Er wird sich sicherlich in den nächsten Tagen erinnern können! So, Herr W., wir sollten jetzt ins Krankenhaus fahren, um Sie vorsichtshalber einmal komplett durchzuchecken. Legen Sie sich bitte hin. Ich schnalle Sie vorsichtshalber an, hänge Sie an den Tropf und bleibe bei Ihnen.“
Er wendet sich an den Polizisten. „Herr Kommissar, die Vernehmung muss bis morgen warten. Herr W. ist doch recht lädiert und nervlich sehr angespannt. Es ist ja alles unter der Kontrolle jetzt.“ Der Polizist nickt nach kurzem Zögern, dreht sich um und geht wortlos zum Tatort hinüber.
„Günther, übernimmst Du? Ich bin so müde, auf einmal so müde.“ Frank W. schließt die Augen. Die Liege wird in den Rettungswagen hineingeschoben, der Arzt setzt sich neben ihn. Er legt beruhigend seine Hand auf den rechten Arm. „Ich bin bei Ihnen.“ Hört Frank W. ihn beruhigend sprechen. Die Hecktüre schließt sich, der Krankenwagen fährt an.
Frank W. sieht noch das Blaulicht blitzen und hört das Martinshorn. Danach gleitet er in das Dunkel einer Ohnmacht.
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Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"
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